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Perspectives
butterflies2 Europäische Union / Großbritannien / USA – Gemeinschaft, Zerfall, Neuschöpfung: Die große systemische Transformation des Westens

Im nunmehr vierten Monat in Folge geben wir uns dem verhaltenen Optimismus hin, dass der Höhepunkt der Krise nun überwunden ist. Fünf Meter vor dem Gipfel und fünf Meter nach dem Gipfel sieht die Landschaft jedoch weitgehend gleich aus, die Perspektive hat sich jedoch komplett verändert. Der Bergwanderer weiß, dass nach dem Aufstieg der Abstieg eigentlich leichter sein müsste. Aber Vorsicht bleibt trotzdem geboten, erst wenn das Tal erreicht ist, sind die Gefahren gebannt. Wer sich schon im Tal glaubt, wird schnell leichtsinnig; und die Müdigkeit erhöht auch das Risiko. Genau dieses Gefühl des sich nähernden Endes einer anstrengenden Wanderung empfinden wir seit nunmehr vier Monaten. Einige unserer Leser überrascht unser Optimismus. Aber sind nun die Gläser unserer Brille rosarot, oder senkt sich endlich die Sonne dieser Krise unter den Horizont?

Seit 2006 analysiert und antizipiert der GEAB die Etappe der Krise, die unser Teamkoordinator Franck Biancheri die „umfassende weltweite Krise“ genannt hatte, die man in kurzen Worten als den umfassenden Übergang von einer Weltordnung in eine neue beschreiben kann – die westlich zentrierte, unipolare Welt als die Welt vor der Krise, und die neue multipolare Welt, in der wir uns inzwischen schon befinden. Diese Tatsache kann eigentlich niemand mehr ignorieren, auch wenn einige Kommentatoren die Auffassung vertreten, die entstehende neue Welt werde wiederum unipolar sein, nämlich mit China als der neuen Supermacht[1].

Diese gigantische globale Veränderung wurde möglich und begleitet von einer anderen bedeutenden systemischen Transformation, die in Verbindung mit der Internetrevolution steht, nämlich der Neuorganisierung oder besser gesagt der tiefen und totalen „Organizisation“ [2]der gesamten sozialen Struktur und den Organisations- und Tätigkeitsmodi weltweit.

Wie der GEAB schon vor langer Zeit feststellte, war die Weltordnung, die vor unseren Augen zerfiel, 500 Jahre alt. Sie war entstanden mit den großen Entdeckungen der Renaissance, mit der Europa (später dann gefolgt von Russland und Amerika) sich einen Vorsprung von 500 Jahren verschaffte und die großen und älteren Zivilisationen wie China oder den Iran in Abseits drängte. Diese westlich zentrierte Weltordnung gibt es heute nicht  mehr, und es war der Westen selbst, der diesen Übergang eingeleitet hat, indem er die Kolonialisierung und dann die Entkolonialisierung betrieb, dann in Post- Kolonialisierungs- Selbstvorwürfen versank, dann die Entwicklungshilfe schuf, dann den Prozess der regionalen Integration erfand, dann die Globalisierung, dann das Internet… Der Westen hat in gewisser Weise diese Multipolarisierung gewollt und erschaffen, die daher dem Westen eigentlich auch keine Angst machen sollte. Es ist Zeit, dass wir für die Folgen unserer Politik einstehen und das leben, was wir predigen, und damit auch akzeptieren, dass Europa und dem Westen kein größeres Stück vom globalen Kuchen zusteht als den anderen.

Und genau dies ist dabei zu passieren. Der beste Beweis dafür ist die Haltung Obamas, der noch im letzten Jahr alles daran setzte, die europäisch- russischen Spannungen zu schüren, nun aber mit der Kehrtwende in der amerikanischen Iranpolitik zeigt, dass er sich für den Frieden im Mittleren Osten einsetzen möchte. Ganz zu schweigen von den neuesten Versuchen von Kerry und Lavrov, einen konstruktiven Dialog zu führen, was schon an sich ein Verdienst ist, auch wenn es noch an konkreten Ergebnissen mangelt.

Der Höhepunkt der umfassenden weltweiten Krise liegt sehr wohl nun hinter uns, auch wenn die steilen Abhänge noch vor uns ... Lesen