Öl, Zentrum der weltweiten systemischen Krise (GEAB Sommer-Ausgabe, AUGUST 2017)

oil derek worker

Im vergangenen Sommer haben wir aus Gründer der Ehrlichkeit und des Lerneffekts unsere Antizipationen zum Brexit in einer Sommer-Ausgabe zusammengestellt, um Ihnen so einen Ausgleich für unsere falsche Antizipation zu geben. Heute, angesichts der immensen Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Forderung der Bevölkerung nach einer Scheidung mit Europa, relativiert sich diese falsche Antizipation, was den Schluss nahelegt, dass es „keinen Brexit geben wird“, eine Aussage, die wir von Anfang an gemacht haben, indem wir festgestellt haben: „Niemand steigt aus Europa aus“. Damals hatten wir gedacht, dass die britische Politik und die britischen Medien das vor dem Referendum verstehen und auf ein „Ja“ hinarbeiten würden. Doch sie haben erst zehn Monate später begonnen, sich dessen bewusst zu werden … was für die Insel gleichzeitig auch für den Kontinent eine ziemlich unmögliche Situation geschaffen hat.

In diesem Sommer geben wir Ihnen eine Rückschau auf unsere Antizipationen zum Öl, ein wichtiges Thema der weltweiten systemischen Krise, zu dem wir sehr regelmäßig als Hilfe für Ihre Strategien und Entscheidungen Antizipationen veröffentlichen.

Als wir die Serie unserer Empfehlungen und Analysen aus den letzten zwei Jahren noch einmal durchgelesen haben, waren wir frappiert über die Kohärenz unserer Interpretationen und die Genauigkeit der aus ihnen resultierenden Antizipation: der Blick auf die zyklischen Interaktionen zwischen den großen Ölproduzenten, die wir in den allgemeinen Kontext der Entthronung des Königs Öl setzen, funktioniert sehr gut und erlaubt es uns, sehr präzise die kurz- und mittelfristigen Entwicklungen des Preises des schwarzen Goldes zu antizipieren.

In jüngster Zeit haben wir begonnen, die Rolle von privaten Akteuren (wir verweisen auf unsere Analyse zu Glencore) in der Schattendiplomatie des Öls zu identifizieren, was es uns ermöglichen sollte, unsere Antizipationen noch genauer zu machen. In den nächsten Ausgaben des GEAB wird es zunehmend darum gehen, die Entwicklungen im gesamten Energiesektor zu analysieren, um die „Synergiesierung“ der verschiedenen Energiequellen herauszuarbeiten, die einen „König Energie“ anstelle des verstorbenen „Königs Öl“ erschaffen könnte. Wie wir in unserer Juni-Ausgabe festgestellt haben: „Nach dem too-big-to-fail, jetzt die Zeit des too-high-to-reach.“ Die „Welt von Morgen“ wird als Konsequenz der „Welt von Gestern“ nicht nur rosafarben sein.

Auszug, GEAB 116 / 15.06.2017

Öl: Gegen den Strom

Der Supertanker Saiq, der von der Royal Dutch Shell Plc gechartert wurde, irrt wie eine verlorene Seele ungefähr 530 Meilen südlich der Kanarischen Inseln auf der Suche nach Kunden für seine 2 Millionen Barrel Öl aus der Nordsee, seit sein Bestimmungsort China angezeigt hat, das es das Öl nicht mehr braucht. „Wer will mein Öl? Billig, billig!“ Die Herrschaft des schwarzen Goldes ist lange vorbei … Wie wir schon ausgeführt haben, können selbst die Kriege es nicht mehr richten. […] Der Tag, als die Koalition um Saudi-Arabien einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Katar ankündigte und dadurch die Bedrohung einer „Kuwaitisierung“ von Katar in den Raum stellte … brach der Ölpreis ein. Es ist nicht das erste Mal, das wir feststellen, dass der Ausbruch von Konflikten nicht mehr zu Preisspitzen führt. Diese Tatsache validiert unsere Antizipation über die Trends, denen wir seit langem folgen: der energetische Wandel (erneuerbare Energien, Gas, Kernkraft) und der wirtschaftliche Wandel (e-Wirtschaft, weniger Energieverbrauch) haben definitiv den König Öl entthront, der nicht mehr allmächtig ist, und dessen Wert jetzt weniger von der Fähigkeit der Scheichs abhängt, sich miteinander zu vertragen, als vom Produktionsvolumen (Kooperation OPEC und NOPEP). Der Anstieg von Spannungen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran bedeutet für die Märkte, dass die Abkommen zwischen den Förderländern in Frage gestellt sind, also rechtfertigen Risiken der Erhöhung des Produktionsniveaus einen sofortigen Rückgang der Preise. Das ist sicher eine gute Nachricht, das heißt ein (sehr großer) Grund weniger, Krieg zu führen. Es überrascht nicht, dass unser Team antizipiert, dass die Periode der Spannungen um Katar wahrscheinlich die Preise nach unten drückt, die prompt dann wieder anziehen werden, wenn Lösungswege sichtbar werden, um sich dann wieder 50 Dollar pro Barrel zu nähern, ja sogar sie leicht zu überschreiten, wenn die Krise tatsächlich einer Strategie der Stärkung der regionalen und supra-regionalen Kooperation dient.

Wieder Glencore

Der Schweizer Rohstoffriese, der in 50 Ländern agiert und weltweit 154 000 Mitarbeiter hat, ist derzeit in einem Fusions- und Übernahmerausch, nachdem er im Jahr 2015 große Schwierigkeiten sah, im Moment des Zusammenbruchs des Kurses, weil es ihm nicht gelungen war, bestimmte Förderstätten (wie Neu-Kaledonien[1]) zu verkaufen. Ein Beispiel: im Verlauf nur der letzten Wochen kämpft er und gewinnt gegen den Chinesen Yancoal beim Kauf der australischen Minen Rio[2], unterzeichnet ein Abkommen mit Corporacion G500 SAPI für die Schaffung eines Joint Venture zur Belieferung von Tankstellen in Mexiko[3], nähert sich dem amerikanischen Händler Bunge mit dem Ziel, Marktführer bei Agrarrohstoffen zu werden[4], verbindet sich mit Carlyle, um die marokkanische Raffinerie Samir zu kaufen[5] … Im letzten Februar kaufte er für 905 Millionen Euro Anteile an Kobalt und Kupferminen in der Demokratischen Republik Kongo[6]. Noch etwas früher, im Dezember 2016, assoziierte er sich mit dem Staatsfond von Katar, um 19,5% der Anteile an Rosneft zu übernehmen, und unterzeichnet ein Abkommen mit Rosneft für den Zugang zu zusätzlichen 220 000 Barrel Öl pro Tag für seine Handelsaktivitäten.

Wir finden es angebracht, die Aufmerksamkeit unserer Leser auf die Hyperaktivität von Glencore zu richten, das sich insbesondere dadurch auszeichnet, dass es seine Bauern in Ländern unter Sanktionen in Stellung gebracht hat und dabei mehrere Längen Vorsprung hatte vor seinen wählerischeren Konkurrenten. Glencore hat einen Gewinn von 936 Millionen Dollar gemacht nach einem abründigen Verlust von 8,1 Milliarden im Jahr 2015, und verteilt nach einem Jahr Pause wieder Dividenden. Offensichtlich steht Glencore in einem Blitzkrieg, einem Pokerspiel, das seine Früchte tragen sollte und die Schweizer Gruppe strategisch unverzichtbar macht. Es ist wahrscheinlich, dass es an der von der OPEC durchgeführten Arbeit zur Produktionskontrolle teilnehmen wird, es hat zwei Hände im russischen Honigtopf, es ist wahrscheinlich einer der Gründe hinter der Verschleierung der sakrosankten Transparenzregeln der Europäischen Investitionsbank[7] …. Noch mehr als ein multinationaler Gigant ist Glencore ein größerer globaler strategischer, politischer und wirtschaftlicher Akteur, der sich seit mehreren Monaten auf eine Weise positioniert, die ihn noch unverzichtbarer macht. Nach dem too-big-to-fail, jetzt die Zeit des too-high-to-reach.

 Trauriger Trost: man kann davon profitieren, da die Aktie derzeit bei 2,83 Pfund Sterling steht und ziemlich sicher langfristig an Wert gewinnen wird… Für mehr, Sommer GEAB, Aug. 2017 

_____________________________________

[1] Quelle: FranceInfo, 02/03/2016 (Zum Vergleich aktuell: FranceInfo: 02/03/2017)
[2]    Quelle: Zone Bourse : 11/06/2017
[3]    Quelle: Le Figaro, 18/05/2017
[4]    Quelle: Les Echos, 26/05/2017
[5]    Quelle: Media24, 16/05/2017
[6]    Quelle: Le Figaro, 13/02/2017
[7]    Quelle: The Guardian, 20/08/2014