Umfassende Krise der Statistik: Die Überarbeitung der Werkzeuge zur Quantifizierung der wirtschaftlichen Realität

pic geab.eu

In der derzeitigen globalen systemischen Krise benutzt unser Team schon seit einigen Jahren den Begriff „statistischen Nebel“: die aktuellen Werkzeugen zur Quantifizierung der Realwirtschaft sind nicht ausreichend und sie werden manipuliert, damit ihre Ergebnisse den Reden der Politiker entsprechen (oder umgekehrt). Wenn man einmal von diesen Manipulationstendenzen absieht, kann man feststellen, dass dieser „statistische Nebel“ auch daher kommt, dass sich das Wirtschaftsgeschehen tiefgehend verändert und die Indikatoren von gestern (BIP, Arbeitslosigkeit, usw.) in der Welt von heute nicht mehr relevant sind. Nach einigen vergeblichen Versuchen seit mehr als einem Jahrzehnt zur Modernisierung dieser Indikatoren sehen wir jetzt die Entstehung neuer Initiativen, die wir für nachhaltig halten. Auch wenn diese auf kurze Sicht für Konfusion sorgen, antizipieren wir bis 2015 eine Harmonisierung unter der Initiative von internationalen Gremien wie den G20.

Grenzen der zwei Leitindikatoren

Die Debatten und Vorschläge der Wahlkämpfe zeigen es im Überdruss: es zählt nur das Wachstum des BIP bzw. die Arbeitslosenquote. Das ist kaum verwunderlich in einem System, in dem die Arbeit, wie auch die Anhäufung von „Reichtümern“, einen zentralen Platz einnimmt.  Diese zwei Indikatoren haben die Politik jahrzehntelang mit Ergebnissen ausgerichtet, mit denen man leben kann. Wenn jedoch jeder weitere Wachstumspunkt immer schwieriger zu erzielen ist und wenn die Arbeitslosenquote konstant hoch bleibt, dann hat das einen Grund: die Gesellschaft verändert sich radikal und diese zwei Indikatoren, die diese Entwicklungen nicht widerspiegeln, beginnen obsolet zu werden. Wir werden sehen, dass ihre Begrenztheit mehrere Ursachen hat: eine Ursache ist die Statistik, eine andere die  Politik bzw. die Ideologie, jedoch liegt eine fundamentale darin, dass diese Indikatoren genau wegen ihrer Konstruktion nicht die harmonische Entwicklung einer Gesellschaft quantifizieren[1]

Beide Indikatoren sind so symbolträchtig, dass sie natürlich intensivem politischen Druck ausgesetzt sind und ständig für internationale Vergleiche verwendet werden. Und daraus entstehen die ersten Probleme. Wie kann man Volkswirtschaften vergleichen, die unterschiedliche Währungen haben, deren Wechselkurse ständig stark fluktuieren[2]? Wir haben schon oft auf die negativen Folgen der Verwendung  des Dollars als einzigem Standard hingewiesen und dies ist jetzt eine weitere Illustration. Zum Beispiel sind die Vereinigten Staaten mit Abstand das führende Land mit ihrem nominalen, in Dollar ausgedrückten BIP während sie in der Kaufkraftparität (KKP) hinter China rangieren.

fig geab112 1Abbildung 1 – Länder nach BIP in Kaufkraftparität, 2014. Quelle: The Conversation.

Ein weiteres Beispiel: Welchen Sinn macht der Vergleich des BIP-Wachstums in der Vereinigten Staaten, deren Bevölkerung um 0,7% pro Jahr wächst[3], mit dem der Eurozone, wo die Bevölkerung nur um 0,3% pro Jahr wächst[4]? Oder aber, warum will man das Pro-Kopf-Einkommen zwischen einem Land, in dem wichtige Dienstleistungen wie Bildung oder Gesundheit privat bezahlt werden müssen, und einem anderen, in dem sie kostenlos sind, vergleichen?

Bei der Arbeitslosenquote sind die Vergleiche noch heikler, weil die Berechnungsmethoden in jedem Land verschieden sind. Wir zitieren regelmäßig die Website ShadowStats für ihre alternative Berechnung der amerikanischen Arbeitslosenquote. Sie ist zweifellos näher an der „Realität“ (zumindest an der von der Mehrheit der Amerikaner gefühlten) und sie gibt ein sehr anderes Bild vom amerikanischen Arbeitsmarkt:

fig geab112 2
Abbildung 2 – Arbeitslosenquote in den USA. Rot: amtlich / grau: U6 / blau: ShadowStats. Quelle: ShadowStats.

Bei der Arbeitslosenquote quantifizieren diese Statistiken nicht, was sie angeblich quantifizieren, bzw. was der Bürger unter „Arbeitslosigkeit“ versteht und sind daher irreführend. Das gleiche gilt für das BIP, das nur ein dürftiges Abbild des „Reichtums“ einer Nation ist. Und das hat sehr schädliche Auswirkungen, da sie als Leitfaden für die Wirtschaftspolitik dienen, wie zum Beispiel die niedrigen Löhne auf Kosten der europäischen Partner in Deutschland oder das irische Steuerdumping zur Anlockung multinationale Unternehmen…

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[1]    Wir können der Versuchung nicht widerstehen, Ihnen hier das bekannte Zitat von Robert Kennedy über das BIP aus dem Jahr 1968 wiederzugeben: „it measures everything, in short, except that which makes life worthwhile“ (kurz gesagt, es misst alles, außer dem, was das Leben lebenswert macht).
[2]    Zur Erinnerung: ein US Dollar war Ende 2008 0,62 Euro wert und jetzt 0,94 … also eine Veränderung um 50%!
[3]    Quelle: Wikipedia
[4]    Quelle: Trading Economics