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Kryptowährungen: Von nationalen Vorschriften zur internationalen Koordination

Die Kryptowährungen stehen im Fokus vieler durch Einzelpersonen, Unternehmen und  Regulierungsbehörden, also Staaten, ausgelöster Diskussionen. Ihr Platz im Wirtschaftsleben wird aus mehreren Gründen immer wichtiger:

– Einzelpersonen, für die sie ein sicherer Hafen oder ein Spekulationsobjekt sind, tätigen erhebliche Investitionen.

– Mit den vielzitierten, im GEAB Nr. 122[1] beschrieben ICOs (Initial Coin Offering) wird immer mehr Geld eingesammelt.

Entwicklung des Fundraising durch ICOs (Initial Coin Offering) in Millionen US zwischen Januar 2017 und März 2018 – Quelle: Coinspeaker

– Der Kryptogeld-Star, das Bitcoin, steht unter Kritik: das anhaltende Rätsel seiner Schürfung, seiner Volatilität, seines Energieverbrauchs …

In diesem Zusammenhang nimmt der Umgang der Staaten mit Kryptogeld geopolitische Dimensionen an: Welche Strategie soll gegenüber dem Kryptogeld eingeschlagen werden? Welche Regulierungen sollen implementiert werden? Wie kann Souveränität angesichts einer globalisierten Technologie bewahrt werden?

Der IWF, ein Schlüsselakteur des weltweiten Finanzsystems, wird eine führende Rolle bei der internationalen Koordinierung spielen mit dem Ziel, einen Kontrollverlust zu verhindern.

Chacun sa route, chacun son chemin“ („Jeder kann nach seiner Facon selig werden“) ist das aktuelle Lied der Nationalstaaten zum Thema Kryptogeld. Eine technische Bestandsaufnahme nach Ländern zeigt die Unterschiede in den Schlüsselfragen:

– Rechtliche Stellung der Austauschplattformen;

– Ansatz zu ICOs von Unternehmen;

– Genehmigung (oder nicht) von Zahlungen in Kryptogeld durch Einzelpersonen;

– Genehmigung (oder nicht) des Umtausches von Kryptogeld in Fiat-Geld durch Einzelpersonen und Unternehmen;

– Vorhandensein (oder nicht) von Initiativen für die Regulierung von Kryptogeld;

– Warnungen (oder nicht) an die Adresse der Anleger durch die Regulierungsbehörden.

Technische Bestandsaufnahme nach Ländern (je dunkler die Farbe, desto stärker die Regulierung der Kryptowährungen[2]) – Quelle: Bloomberg

 

Mit der Ausnahme von China, wo die Lage einfach ist, da derzeit alles, was mit Kryptogeld zusammenhängt, verboten ist (auch wenn Farmen, die Bitcoin Mining betreiben, weiterhin aus China operieren), müssen die  Länder noch daran arbeiten, die Situation zu klären.

In den meisten anderen Ländern bewegen wir uns in einer regulatorischen Unbestimmtheit von „weder erlaubt, noch verboten“. Hier kann man die Kluft zwischen dem Tempo der Verbreitung der Technologie und der öffentlichen Politik, die die Verzögerung bei der Kontrolle und der Regulierung reaktiv einzuholen versucht, gut erkennen.

Eine geopolitische Herausforderung, ähnlich der durch die Digitalgiganten

Tatsächlich verstecken sich hinter den rein technischen Aspekten geopolitische Herausforderungen, die die Souveränität und die Chancen für jedes Land betreffen.

Denn die Kryptowährungen erinnern auch an die Auseinandersetzungen um die Dienstleistungsplattformen für die Bürger des Planeten, wie Facebook, Uber, Airbnb oder auch Telegram. Und die jüngsten Auseinandersetzungen über diese Plattformen regen wiederum zum Nachdenken über das Kryptogeld an.

Auf dem Spiel steht daher für diese Länder die Meinungsfreiheit, die Souveränität oder beide – je nach dem Grad der in dem Land vorhandenen Demokratie.

Wie bei den aktuellen Entwicklungen um Telegram im Iran und in Russland[3] und Facebook und die Cambridge-Analytica-Affäre in den Vereinigten Staaten versuchen die Staaten mit allen Mitteln, einen Kontrollverlust über die Finanzflüsse, die private Kommunikation und mögliche Manipulationen der öffentlichen Meinung, wo der Schaden bereits entstanden ist, zu verhindern.

El Petro – von Venezuela herausgegebenes Kryptogeld. Quelle: BTCMANAGER

 

Umgekehrt bringen andere Gründe Staaten wie Venezuela[4] oder den Iran (erneut) dazu, ihr eigenes Kryptogeld zu emittieren. Dabei geht es darum, die internationalen Sanktionen zu umgehen und ein neues wirtschaftliches Betätigungsfeld zu öffnen. Das ist Venezuela gelungen, das mehr als 200 000 Anleger aus mehr als 130 Staaten für einen Gesamtbetrag von fast 5 Milliarden Dollar[5] gewinnen konnte. Und das trotz des Verbots vom 19. März 2018 für alle Amerikaner, Petros zu kaufen[6]. Interessant wird sein, ob der Petro, der nach den für den 20. Mai vorgesehenen Präsidentschaftswahlen anlaufen soll, dann neue finanzielle Perspektiven öffnet, wie den Abschlag von 30% auf das Barrel für Indien, wenn der Kauf in Petro erfolgt[7] .

Für die einen eine „Stop and Go“-Strategie, für die anderen eine „Go“-Strategie

Es gibt immer mehr Staaten, die eine „Stop and Go“-Strategie entwickeln, wie zum Beispiel China[8], Russland, die Türkei, Indien[9], Kambodscha oder auch Südkorea. Diese Strategie besteht darin, Maßnahmen zu ergreifen, die die Verwendung von Kryptogeld durch ihre Bürger auf eine Minimum beschränken oder sogar verbieten: um das Risiko der Kursmanipulation oder des Verschwindens der Werte ihrer Bürger oder Unternehmen, die vom Kryptogeld angezogen werden, zu vermeiden.

Gleichzeitig oder fast gleichzeitig passen diese Länder ihre Strategie an: alle vorher zitierten Länder haben mit Projekten für die Schaffung ihres eigenen Kryptogeldes begonnen, weil die den Kryptowährungen zugrunde liegende Technologie, also die Blockchain, interessant ist:

– Strukturell sind die Kosten einer Finanztransaktion geringer als die im traditionellen Bankensystem.

– Da man die durch die Blockchain-Technologie möglichen Innovationen in fast allen Sektoren findet, wäre ein Land, das nicht von diesen Fortschritten profitiert, sofort gegenüber anderen Ländern im Nachteil.

Die andere, weniger autoritäre Strategie, die wir hier „Go“ nennen, besteht einfach darin, die „Krypto“-Bewegung durch die Umwandlung der nationalen Währung in eine Kryptowährung zu vereinnahmen, ohne allerdings die anderen Kryptowährungen zu blockieren. Eine solche Strategie sehen wir in Schweden[10], Estland[11], Israel[12].

Nationale Kryptowährungen: est-coin (Estland), e-krona (Schweden), entapay (Kambodscha)

2018 und 2019 sehen wir so die Entwicklung von zahlreichen, mit einem Land oder einer Region verbundenen Kryptowährungen. Wir antizipieren, dass dies der Beginn einer Entwicklung ist, die zahlreiche Institutionen und Zentralbanken dazu bringen wird, ihr eigenes Kryptogeld zu lanzieren.

G20 und IWF an der Spitze einer internationalen Regulierung

Diese zahlreichen, in den nächsten zwei Jahren zu erwartenden Kryptowährungen stellen ein Risiko der Verkomplizierung des weltweiten Finanzsystems dar.

Bereits heute ist das Thema Kryptogeld und Blockchain auf der Tagesordnung des nächsten G20-Gipfels im November[13] in Buenos Aires in Argentinien. In Asien werden sich 10 Zentralbankgouverneure, darunter auch ein Vertreter Chinas, auf dem für Mitte Mai vorgesehenen ersten Gipfel einer neuen Organisation treffen: der „Alliance for Financial Stability with Information Technology“[14].

Darüber hinaus gibt es Tendenzen wie die Initiative Russlands, eine internationale Kryptowährung[15] für die BRICS und die Eurasische Wirtschaftsunion (Russland, Armenien, Weißrussland, Kasachstan, Kirgistan und demnächst der Iran) zu schaffen, die dann von den Vorteilen der Blockchain Technologie profitieren können.

Die Robustheit der Technologie und ihr Potential für wirtschaftliche Fluidität werden die Akteure dazu bringen, schneller lokalen Rahmenbedingungen zu implementieren, die für die Wirtschaftsakteure (die Bürger, die Unternehmen, die Akteure der Finanzwelt) klar und beruhigend genug sind.

In diesem geopolitischen und währungspolitischem Übergang werden sich ab 2020, sobald diese Konsolidierung des staatlichen Rahmens erledigt ist, Initiativen für internationale Kooperation in diesem neuen Rahmen, in dem noch alles offen ist, entwickeln. Und dies ist eine Gelegenheit, ein neues weltweites Gleichgewicht zu erreichen, das sich allmählich und sanft von der Hegemonie des Dollars im internationalen Handel befreit. (GEAB 125)

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[1]   Bei den ICOs geht die Beschleunigung mit dem ersten Quartal 2018 weiter, da in diesem einzigen Quartal mehr Geld eingesammelt wurde als die im ganzen Jahr 2017, nämlich 7,4 Milliarden Dollar. Quelle: Coinspeaker, 03/04/2018

[2]   Quelle: Bloomberg, 19/03/2018

[3]   Im Iran wird der Messenger Telegram von ungefähr 60% der Iraner verwandt, auch von der Regierung, um ihre eigenen Informationen zu verbreiten. Was bisher als alltägliches soziales Netzwerk durchging, wurde jetzt zu einer größeren Herausforderung, die von der Spitze des iranischen Staats angegangen wird und Präsident Rohani dazu veranlasst, die Anwendung „abschalten“ zu wollen. Quelle: Iran Human Rights, 05/04/2018. Tatsächlich entkommt die Plattform der Kontrolle der Behörden. Außerdem ist es allgemein bekannt, dass der russische Staat eine „Backdoor“ für seine Nachrichtendienste verlangt. Quelle: Engadget, 06/04/2018. Im Iran kommt dazu eine Sorge um die nationale Währung  wegen des für 2018 geplanten Starts des Kryptogelds von Telegram, des Gram. Quelle: Coindesk, 30/03/2018 und CryptoDesk, 06/04/2018

[4]    Die Regierung hatte vorgesehen die Verwendung des Petro für den Binnenmarkt sowie den Export ab dem 20. April 2018 zu öffnen. Quelle: Offizielle Website des Petro und BTCManager, 11/04/2018

[5]    Quelle: Cryptovest, 12/03/2018

[6]    Quelle: Weißes Haus

[7]     Quelle: Business Standard, 29/04/2018

[8]    Quelle: CoinTelegraph, 24/03/2018

[9]    Quelle: BTCManager, 07/04/2018

[10]  Quelle: CryptoEconomy, 02/02/2018

[11]  Quelle: Engadget, 19/12/2017

[12]  Quelle: CoinIntelligence, 27/12/2017

[13]  Quelle: The Guardian, 13/03/2018

[14]  Quelle: South China Morning Post 04/05/2018

[15]  Quelle: CoinTelegraph, 13/01/2018

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