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Die Rückkehr des braunen Europas – GEAB feiert seinen 10. Geburtstag in der Dunkelheit

Lieber Abonnent, liebe Abonnentin,

Dies ist die 100ste Ausgabe und damit auch das 10te Jahr des unglaublichen Abenteuers GEAB.

Lassen Sie mich Ihnen diese Geschichte erzählen.

Der GEAB wurde im Januar 2006 geboren, und zwar motiviert aus einem eisernen Willen zur Unabhängigkeit für unsere Denkfabrik LEAP: intellektuelle Unabhängigkeit, unverzichtbar für den Aussagewert unserer Arbeit zur europäischen Demokratisierung und zum Platz Europas in der Welt, die wiederum finanzielle Unabhängigkeit erfordert. Bis 2005 sagten uns die Besucherzahlen auf unseren Webseiten, welches Interesse unser Arbeit erzeugte. Dann haben wir diese verrückte Herausforderung auf uns genommen: die Quantität und Qualität unserer Inhalte zu steigern und für einen Teil der Inhalte Geld zu verlangen … um damit jeden Monat den Aussagewert zu testen und um dauerhaft dafür zu sorgen, dass wir frei arbeiten können. Der GEAB (von LEAP[1]) war geboren … aber haben wir damit die Herausforderung gemeistert?

„Sehr gut, aber hat er auch Glück?“[2]

In der zweiten Ausgabe wurde der Begriff „globale systemische Krise“ eingeführt und damit bekam die Antizipation die Form eines „Alarms“ und war verbunden mit einem Ausdruck, den alle Analysten der Krise dann oft wiederholt haben: „das Ende der Welt, wie wir sie gekannt haben“. Aber, so werden sie mich fragen, was hat das mit Glück zu tun? Unser Glück war, dass der Ausdruck „Ende der Welt“ im Internet viral wurde. Die Bekanntheit des GEAB war geboren … am 15. Februar 2006.

Aber die wirklich glorreichen Tage lagen noch vor uns.

In der Tat haben wir seit Anfang 2006 eine Krise angekündigt, deren Natur systemisch ist und deren Ausmaße global sind, also zwei Jahre vor dem Datum, das allgemein als Beginn der Krise angesehen wird. Zwei Jahre, in denen wir durchgehalten haben. Und das, trotz der Angriffe und beleidigenden Zuschriften, die wir bekamen, glücklicherweise kompensiert durch noch zahlreichere beglückwünschende Zuschriften.

Klarsichtig und konstant inmitten der allgemeinen Blindheit gegenüber dem Wunder der finanziellen Algorithmen, von denen man annahm, dass sie aus allen Situationen Profit herausholen können, haben wir den Kurs einer Antizipation gehalten, die unermüdlich die Details der sich vorbereitenden Krise erklärt. Dann ging Lehmann Brothers pleite inmitten der Explosion der Subprime-Krise, die wir im Detail antizipiert haben.

Und die ganze Welt begann vom GEAB zu reden …

Und wenn ich „die ganze Welt“ sage, dann ist das wirklich die ganze Welt. Unsere allgemein zugänglichen Kommuniqués (Pressemitteilungen) werden in Dutzende von Sprachen übersetzt, auf hunderten von Webseiten übernommen, der GEAB wird heimlich auf Piraterie-Websites verkauft, bestimmte Seiten übersetzen den ganzen GEAB in ihre Sprachen und versuchen das zu verkaufen, aggressive oder lobende Emails überschütten uns, die Abonnements werden immer mehr, die Methode der politischen Antizipation, die verwendet wird, um diese Arbeit zu produzieren, interessiert mehr und mehr[3], …

Und dann gibt es diese bewegenden Momente, in denen Mitglieder oder Bekannte unseres Teams sich auf Reisen in der Türkei oder bei beruflichen Einsätzen auf Kakao-Plantagen in Brasilien oder in Tauchkursen in Thailand befinden und Bekanntschaft schließen mit Menschen aller Nationalitäten und ungewöhnlichen Qualifikationen … die den GEAB lesen und mit Freude über ihn sprechen.

Die große Herausforderung: den Erfolg zu halten.

„Unsere Krise“ wird „die“ Krise. Alle eignen sie sich an, analysieren sie, beschreiben sie, schlagen Interpretationen für sie vor … während die Krise selbst ihren Lauf nimmt, sich transformiert, sich ausbreitet, sich auf neue Sektoren auswirkt, sich hier abschwächt und dort wieder auftaucht. Unsere Konstanz, mit der wir in der Krise die Auswirkungen eines großen Übergangs einer west-zentrierten  in eine multipolare Welt sehen, findet in all diesen Entwicklungen einen roten Faden. Sicherlich, nicht all unsere Antizipationen konkretisieren sich, aber alle helfen dem allgemeinen Verständnis der genauen Entwicklung der Krise. Inhaber von Unternehmen sagen uns auch, wie sehr ihnen unsere Analysen helfen, ihre Entscheidungen in der allgemeinen Instabilität und des Mangels an Transparenz, welche derzeit ihr professionelles Umfeld charakterisieren, zu verbessern.

2012 verlieren wir unseren Studiendirektor.

Ende 2012, nach 4 Jahren Krankheit, stirbt unser Studiendirektor Franck Biancheri. Das Team, das mit ihm an der Redaktion des GEAB gearbeitet hat, gereift durch tausende Stunden, die es damit verbracht hat, mit ihm zu diskutieren und seine Vision, seine Art zu denken, und ganz konkret, seine aufklärerische Methode, die Methode der Politischen Antizipation zu integrieren, nimmt auf seinen Wunsch hin die Herausforderung der Fortsetzung der Arbeit ohne ihn an. Diese Veränderung verbindet sich mit der Tatsache, dass sich die Krise in politische, ja sogar geopolitische Dimensionen entwickelt. Und es ist ein ein wenig anderer GEAB, der entsteht: mehr politisch und geopolitisch, weniger fokussiert auf den Zusammenbruch der „Welt von Gestern“, dafür mehr auf das Auftauchen der „Welt von Morgen“ …

Immer einen Schritt voraus zu sein, muss die Priorität bleiben.

Der GEAB von 2006 kündigte große Veränderungen eines Systems, das glaubte unveränderlich zu sein, an; der GEAB nach 2012 zeigt einer Welt am Rand der Apokalypse die Perspektiven für eine Zukunft. Aber der Westen ist nicht die ganze Welt und die schlimmsten Kriege nehmen immer ein Ende. Deshalb wurde es unsere doppelte Mission, eine Vision der Wege, wie die Welt sich neu aufstellt, zu geben und gleichzeitig die wirkenden destruktiven Tendenzen aufzuzeigen.

Neue Erfolge in der Antizipation bestätigen das neue Format

Ölkrise? Ist bei uns zu lesen! Krise des Automobilsektors? Ist bei uns zu lesen! Krise der europäischen Luftfahrtgesellschaften? Ist bei uns zu lesen! Beibehaltung des Euro?  Ist bei uns zu lesen! … In drei Jahren hat unser Team gegenüber seinen Lesern den Beweis erbracht und sich selbst bewiesen, dass die Methode der Politischen Antizipation von LEAP tatsächlich ein intellektuelles Werkzeug ist, dass weitergegeben werden kann. Sie, liebe Abonnenten, sind der lebende Beweis wie auch die zehntausende Leser unserer allgemein zugänglichen  Kommuniqués. Ende 2013 hat LEAP daraus geschlossen, dass es richtig ist, den Versuch zu etwas Dauerhaftem zu machen, und beschlossen, den Informationsbrief zu modernisieren. Neues administratives Team unter der Leitung von Geta Grama-Moldovan, die ich Ihnen nicht mehr vorstellen muss, neue Sprachen, neue Website, neues Template, neues Format (Epub) und seit heute neuer Pressespiegel …

Der GEAB steht also gut da und erweckt immer Hochachtung und Kritik … auch die Aufregung um ihn und sogar die Fälschungsversuche sind die besten Beweise seines wirklichen Wertes!

Ja, der GEAB ist einmalig!

Verankert in einer Geschichte und in europäischen Netzwerken, begründet auf einer eigenständigen Methode der Politischen Antizipation, angetrieben vom LEAP’s Streben nach Unabhängigkeit und Relevanz, mutig und frei, bietet der GEAB seit 10 Jahren eine Rezeption der Krise, die mitten im riesigen Chaos der medialen Interpretation und politischen Reaktion rational, eigenständig und konstant bleibt und regelmäßig validiert wird.

Egal, ob Sie uns seit 10 Jahren oder seit einem Monat lesen, ohne Sie gäbe es den GEAB nicht!

Seit 10 Jahren sind es unsere Abonnenten, diese Vertrauensabstimmungen, die Sie uns jeden Monat geben, die uns ermutigen, unsere Arbeit der Analyse und der Antizipation weiter fortzusetzen. Dank Ihnen ist LEAP wahrscheinlich die einzige Denkfabrik in der Welt, die mit der breiten Öffentlichkeit verbunden ist, von der breiten Öffentlichkeit „gewählt“ wird … anstatt wie alle anderen von öffentlichen Institutionen oder privaten Interessen finanziert zu werden.

Es ist diese „demokratische“ Verankerung und diese öffentliche Anerkennung, die es uns erlaubt, nach außen zu gehen mit mehr als innovativen Projekten, wie dem „EURO-BRICS Young Leaders Summit“[4], der Agora der Euroland Bürger[5] oder noch weitergehend unserem Projekt der Demokratisierung der Zukunft, der Offenen Schule für Politische Antizipation[6], die bald das Licht der Welt erblicken wird.

Wir unterzeichnen also heute mit Stolz und vor allem mit großer Dankbarkeit gegenüber Ihnen die 100ste Ausgabe … und wir kündigen Ihnen schon die Ausgabe 101 an in der Qualität der ersten 100 … ganz einfach.

Der GEAB von LEAP ist da, gut da … und Sie mit uns, das hoffen wir …

In treuer Verbundenheit Ihre

Marie-Hélène Caillol
Präsidentin von LEAP und Leiterin der Publikation des GEAB
Autorin des Handbuchs der Politischen Antizipation (Anticipolis, 2009)

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Globale systemische Krise: Die Rückkehr des braunen Europas

 Sie ist da, sie wird langsam größer, die „widerwärtige Bestie“[7].

Es ist schon lange her, es war 1998, da schrieb Franck Biancheri, unser verstorbener Studienleiter, einen Antizipations-Artikel mit dem Titel „2009, wenn die Enkel von Hitler,  Pétain, Mussolini … die Kontrolle über die EU übernehmen werden“[8]. Genau das hat er für die EU antizipiert, wenn sie damit scheitert, sich zu demokratisieren. Das Scheitern ist da, offensichtlich. Und der Prozess ist ziemlich deutlich in Gang.

Wie wir es vor kurzem festgestellt haben, stellten im Jahr 2015 die Migrationswelle, gefolgt von terroristischen Anschlägen Erschütterungen dar, die zu groß waren, als dass die durch die Europa-Russland-Krise und die Euro-Krise geschwächte EU ihnen hätte widerstehen können.

Die progressiven und reaktionären Kräfte hielten sich bis September die Waage. Das ist nicht mehr der Fall.

Die Angst ist heute das dominierende Gefühl in Europa: Angst vor China, vor Russland, vor der Konkurrenz der Schwellenländer, dass wir es nicht mehr schaffen, uns anzupassen, vor den Muslimen, vor der Immigration, vor der globalen Erwärmung, vor den Abgaben, vor der Deregulation, vor dem Internet, vor den Jungen, die nichts respektieren, vor den Alten, die der öffentlichen Hand auf der Tasche liegen, vor der Nahrung, die uns tötet, vor dem Wasser, das verschmutzt ist, vor den Medikamenten, die giftig sind, vor dem Krebs, der uns alle bedroht …

Diese Angst hat reelle Ursachen, ohne Zweifel, und das ist das Problem. Die Herausforderungen der modernen Welt werden immer mehr, größer und lebensbedrohlicher und die Bürger unterstützen angstvoll die Gesten ihrer Regierungen, die nicht nur ohnmächtig, sondern auch kontra-intuitiv sind, die Panik setzt ein.

Und die politischen Alternativen erscheinen überall auf unserem Kontinent, verursacht durch die  absolute Notwendigkeit zu einer Veränderung, die die Europäer empfinden:

. Gründung von radikalen linken Parteien in Griechenland, Portugal, Slowenien … Übernahme der traditionellen linken Parteien in Italien, dem Vereinigten Königreich … die Herausbildung einer neuen Linken, die im Willen der Menschen verankert ist, versetzt die Finanz- und Militär-Eliten in Angst und Schrecken, betont durch die Medien und die Parteien an der Macht;

. Stärkung der radikalen rechten Parteien in Frankreich (FN), Österreich (FPÖ), den Niederlanden (Geert Wilders), in Deutschland (AfD) …, die automatisch aus der durch die Migration und den Terrorismus verursachten Panik Profit schlagen. Diese Parteien sind auch in den Problemen der Menschen verankert, aber ihre Ideen von Ordnung machen sie zugänglich für ein Bündnis mit dem derzeitigen Establishment, das letztlich keine Schwierigkeiten damit haben wird, mit ihren Ideen zusammen zu gehen (das Vereinigte Königreich von Cameron und Theresa May, angeblich „verschworen“ gegen die UKIP, aber in der Realität klebrig hängend an den Privilegien der regierenden Kaste[9], gibt dafür ein lebendes Beispiel ab);

. Stärkung der fremdenfeindlichen, rassistischen, homophoben radikalen Volksbewegungen (Pegida in Deutschland, Polen, Dänemark …) die Demonstrationen und Gegen-Demonstrationen verursachen, die abrutschen und zu Gewaltausbrüchen führen …

Und so beginnt man damit, echte Drohungen für den Fall des Wahlerfolgs dieser Parteien auszusprechen: ein General der britischen Armee verspricht eine Meuterei, wenn Corbyn die Macht in England übernimmt[10], die City warnt vor der Wahl von Ed Miliband[11], Blair kündigt das Ende von Labour an, wenn Corbyn die Führung übernimmt[12], der französische „Boss der Bosse“ kündigt an, dass der Erfolg des FN eine Katastrophe für die französische Wirtschaft wäre[13], der französische Premierminister spricht von „Bürgerkrieg“ im Fall eines Siegs des FN[14], die portugiesische Regierung fordert die Linksunion auf, die pro-NATO- und pro-Euro-Politik, die das Land bis jetzt gemacht hat, nicht in Frage zu stellen[15] … nachdem sie fast der Versuchung erlegen wäre, die Linksunion daran zu hindern, entsprechend dem Wahlergebnis die Kontrolle des Parlaments zu übernehmen.

Man sieht also, die wahre Gefahr, dass ist das Risiko, dass das europäische Establishment, die derzeitigen politischen Entwicklungen blockiert und den demokratischen Prozess unterbricht. Die Beispiele von offensichtlichen Angriffen auf unsere Demokratie existieren zweifellos schon: die letzte Wahl in Polen, durch die ein Dinosaurier der „Welt von Gestern“, Duda, an die Macht kam, wurde als Staatsstreich bezeichnet von einer so respektablen Person, wie dem Chef des europäischen Parlaments, Martin Schulz[16].

Versuchung, das öffentliche Wlan in Frankreich abzuschalten[17], Schließung von Bankkonten bei Barclays in Zypern[18], Annäherung zwischen den Internetgiganten und den Mitgliedstaaten im Namen des Kampfs gegen den Terrorismus[19], usw. … eine Zusammenarbeit zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor etabliert sich, um die öffentlichen Freiheiten zu beschneiden … mit der Zustimmung der zunehmend in Angst und Schrecken versetzten Bevölkerung. Der Ausnahmezustand, der hier und dort schon ausgerufen wurde, erlaubt es.

Was die europäische Ebene betrifft, so scheint sie nur durch die Kraft der Trägheit der reaktionären Welle zu widerstehen, wie es die Bemerkung von Schulz suggeriert (wird uns das Europa-Parlament retten?). Obwohl die EU noch vor 6 Monaten Projekte der politischen Union, der Fiskalunion, der Infrastruktur-Investitionen, einer echten Gouvernance der Eurozone vorgeschlagen hat, hat sie in der Realität auch damit begonnen, auf der sich verstärkenden Angstwelle zu surfen: die Festung Europa ist derzeit ihr wichtigstes Projekt, geführt auf militärische Art mit einem Übermaß an Ausschlussdrohungen an die Mitgliedstaaten, die zögern, die letzten Fetzen an Souveränität preiszugeben[20].

Und andererseits, was soll man sonst tun? Es ist Tatsache, dass diese Maßnahmen von den europäischen Bevölkerungen gefordert werden. Alle Probleme kommen daher, das es jetzt zu spät ist, um anders als durch Reaktion zu handeln. Die künftigen Generationen können uns beurteilen und uns verdammen, ein weiteres Mal ist die Unachtsamkeit / Ohnmächtigkeit der Führungen der letzten 30 Jahre kausal für die derzeitige große demokratische Perversion.

Die Demokratisierung der EU hätte stattfinden können, wie die Führung der 80er Jahre es geplant hat. Die Migrationswelle hätte verhindert werden können, wenn Europa den letzten Verrücktheiten der amerikanischen Politik im Mittleren Osten widerstanden hätte, die darin bestand, einen weiteren Diktator in Syrien loswerden zu wollen, was zu einem neuen Chaos führen würde, wenn man dafür nicht die zusätzlich notwendigen Mittel hat. Der IS, dieser mit Füssen getretene Traum von einer regionalen Integration der arabischen Welt, der sich in einen Alptraum verwandelt, hätte auch verhindert oder zumindest begrenzt werden können.

In beiden Fällen war der Wendepunkt 2013, das letzte Jahr des Mandats von  Barroso. Und aus diesem Jahr stammt auch die Ukraine-Krise. Im Jahr 2015 ist der  Schaden angerichtet an all diesen Fronten, die Fenster der Gelegenheiten, dass Europa die richtigen Wege zum richtigen Zeitpunkt einschlägt, sind zugeschlagen, es gibt keine guten Lösungen mehr und auch keine guten Akteure.

Was diesen letzten Punkt betrifft, ist unser Team mehr und mehr betroffen von der Entwicklung der Partnerländer wie Russland oder der Türkei. Russland vor allem, das Russland, dem Europa jetzt nur noch folgen und sich dabei in die Nase kneifen kann, ist ganz anders als das, welches wir 2013 hochmütig zurückgewiesen haben. Zu dieser Zeit war Putin noch voll in seiner an Europa gerichteten Charme-Offensive mit einem starken Willen zur Europäisierung: Olympische Spiele, Menschenrechte, möglicher Friedensnobelpreis für seine Rolle in der Syrien-Krise … der damalige Putin spielte nach den europäischen Regeln und forderte dabei, als gleichberechtigter anerkannt zu werden. Die Behandlung, die ihm und seinem Land 2014 zu Teil wurde, hat ihn an die Seite Chinas gedrängt, und er hat seine Anstrengungen bezüglich Menschenrechte verbannt und die größte Verachtung für die Europäer entwickelt … und jetzt, da wir seine Ideen übernehmen, ist es Europa, das nach seinen Regeln spielen muss. Großer Erfolg.

Auf eine gewisse Art hat sich Erdogans Türkei in dieselbe Richtung entwickelt. Erdogan, bemüht einen modernen und pro-demokratischen moderierten Islam zu repräsentieren, konnte den enormen Krisen, die sein Land durchmacht und für die die Europäer teilweise verantwortlich sind, nicht widerstehen. So hat auch er die größte Verachtung für dieses feige und immer unentschiedene Europa entwickelt, was er dadurch bewiesen hat, dass er sich nicht dazu herabgelassen hat, selbst zum EU-Türkei-Gipfel zu kommen und an seiner Stelle seinen Premierminister Davutoglu geschickt hat[21].

In einem Jahr, 2014, hat Europa sein ganzes Prestige auf der Internationalen Bühne verloren, seine alten Verbündeten (USA, Saudi-Arabien, Israel …) erscheinen immer klarer als Quelle zahlreicher Probleme, die den Planet in Gefahr bringen; auch wenn es jetzt gezwungen ist, sich an seine Partner anzunähern (Russland, Türkei …), die es über Jahrzehnte verachtet und als untergeordnet behandelt hat, erntet es jetzt die Verachtung der Länder, die nur Anstrengungen zur demokratischen Gleichberechtigung mit ihm machen wollten …

Die Krise ist da, die Entwicklungen finden statt, aber Europa hat die Initiative verloren. Es bleibt ihm nur die Angst und deshalb ist unser Team jetzt sehr pessimistisch, ob es Europa schafft, eine neue Periode des reaktionären Niedergangs zu vermeiden, die vom Establishment selbst unternommen werden wird, zusammen mit seinen Komplizen, um auf dem europäischen Kontinent das Chaos zu verhindern.

Zu den Komplizen des Establishments muss man, ob sie es wollen oder nicht, Parteien, wie gerade den FN, zählen, der seit seinem Beginn nur als „rote Fahne“ diente, damit die Eliten, die Frankreich regieren, immer wiedergewählt werden. Der FN und die Islamisten haben dieselbe Geschichte: sie haben dazu gedient, für zu lange immer abgehobenere Eliten an der Macht zu halten; sie dienten als quasi „autorisiertes“ Ventil für eine durch die vollständige Abtötung des politischen Lebens in Frankreich ausgeschaltete Vertretung der Bürger: nur der FN hatte das Bürgerrecht als angebliche Alternative zu den großen Parteien, und sah dabei besser aus als diese.

Wie in der arabischen Welt mit den Islamisten, wird sich das Risiko der Machtübernahme durch den FN letztlich zuerst zeigen, durch einen Versuch der Blockierung „im Namen der Demokratie“ (Algerien des Front islamique du Salut), dann schließlich durch eine Übernahme all seiner Thesen und seiner menschlichen Ressourcen durch die Eliten, die an der Macht sind oder dabei sind, die  Macht zu übernehmen. In beiden Fällen ist die Demokratie nicht mehr auf dem Programm in Frankreich für die nächsten Jahre. Zu viele Probleme und zu viel Verantwortung, um sich diesen Luxus leisten zu können, ohne Zweifel.

Diese französische demokratische Entgleisung wird zur Konsolidierung ähnlicher Entwicklungen in anderen europäischen Ländern beitragen.

Natürlich kann man sich einreden, dass die Rückkehr des braunen Europas von kurzer Dauer sein wird, dass dieser reaktionäre Abschwung Europas, das mit globalen Transformationen, die es überrollen, konfrontiert ist, dazu dienen wird, es zu schützen, dass die Europäer bald gegen diese Entwicklung angehen werden, dass die vom Internet durchdrungene Gesellschaft nicht lange brauchen wird, um sich zu reorganisieren und das Übel auszustoßen … Ganz sicher wird unser Kontinent diese neue Episode seiner düsteren Geschichte überleben. Aber vergessen wird nicht, dass alle Kriege nicht wie der der Zweite Weltkrieg enden; im Gegenteil, jede schwarze Periode hat im Allgemeinen in ihrem Ausgang den Samen der nächsten.

Zum Beispiel ist es gut zu wissen, dass der FN vor drei Jahren sein Büro in der ENA (École Nationale d’Administration) neben dem der Sozialisten und der Konservativen aufgemacht hat, und dass heute ein signifikanter Teil der Abgänger der französischen Verwaltungsschule (die Nachwuchs an Führungskräfte für den ganzen französischen  Staatsapparats bereitstellt) Sympathisanten des FN sind … „Sympathisanten“, die dieses Mal ein professionelles Interesse am Erfolg ihrer Partei haben … und die Mittel haben, um dazu beizutragen[22]. Diese Entwicklung sagt uns, dass die Ideen des FN nicht im Begriff sind aus dem französischen Staatsapparat zu verschwinden, und also aus einem der Herzen Europas…für mehr, abonieren Sie.

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[1]     Laboratoire Européen d’Anticipation Politique: Wurde im Jahr 2005 von Franck Biancheri und mir gegründet (im Anschluss an Europe2020, dem Vorgänger von LEAP, 1999 auch von uns beiden gegründet) und ist eine unabhängige europäische Denkfabrik, die ihre Antizipations-Arbeit vor allem zwei Themen widmet: der europäischen Gouvernance (Projekt Euroland Gouvernance 2020) und den Beziehungen Europas mit dem Rest der Welt  (Projekt Euro-BRICS). Im Rahmen seiner Arbeit organisiert LEAP Seminare und Veranstaltungen, die sich an Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Finanzen und Zivilgesellschaft richten, veröffentlicht Berichte und Analysen und den monatlichen Informationsbrief zur „globalen systemischen Krise“, den GEAB.

[2]     Wenn man ihm die Vorzüge eines Offiziers anpries, dann erkundigte sich Napoleon sofort nach dem Glück des Betreffenden. Quelle: Le Figaro, 03/12/2015.

[3]     So wurden im Rahmen einer Partnerschaft zwischen LEAP und der Sorbonne die ersten Ausbildungen in Politischer  Antizipation konzipiert, bald gefolgt vom Handbuch der Politischen Antizipation, von mir auf der Grundlage dieser Ausbildungen geschrieben und 2009 bei Anticipolis erschienen.

[4]     Quelle: LEAP/EuroBRICS , 26/06/2015

[5]     Quelle: LEAP/EUROLAND

[6]     Siehe auch: IRPA, 10/11/2015

[7]     « Le ventre est encore fécond, d’où a surgi la bête immonde. » („Der Bauch ist fruchtbar noch, aus dem die widerwärtige Bestie entsprang“, siehe: Wikipedia FR) ist die französische Übersetzung von Bert Brechts berühmter Zeile: „Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ aus dem Theaterstück „Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, eine Parabel auf Adolf Hitlers Aufstieg zur Macht. Siehe: Wikipedia DE

[8]     « 2009, quand les petits-fils d’Hitler, Pétain, Mussolini… prendront le contrôle de l’UE. », Quelle: Europe 2020

[9]     Was die Privilegien der regierenden Kaste in England betrifft: Der kürzlich erschienene Artikel im Telegraph über den Nutzen, den Tony Blair aus seinen Jahren in der Downing Street Nr. 10 zieht, ist wirklich widerlich.  Quelle: Telegraph, 14/12/2015.

[10]    Quelle: The Independent, 20/09/2015.

[11]    Quelle: Le Monde, 16/04/2015.

[12]    Quelle: Sky News, 22/07/2015.

[13]    Quelle: Le Figaro, 01/12/2015.

[14]    Quelle: The Telegraph, 11/12/2015.

[15]    Quelle: The Telegraph, 23/10/2015.

[16]    Quelle: The Telegraph, 15/12/2015.

[17]    Quelle: The Local, 07/12/2015.

[18]    Quelle: Business Insider, 21/06/2015.

[19]    Quelle: EU Business, 04/12/2015.

[20]    Quelle: The Times, 03/12/2015.

[21]    Quelle: Deustche Welle, 30/11/2015.

[22]    Quellen: Le Point, 27/08/215 ; Marianne, 16/11/2013.

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