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Großbritannien 2019: Und wenn der Brexit ein Erfolg wäre?

Bis jetzt waren sich Medien und Analysten einig: Der Brexit stellt für Großbritannien und nur für Großbritannien eine unsichere und gefährliche Zukunft dar. Unsere Leser wissen, dass wir diesbezüglich immer vorsichtiger waren. Während die erste Verhandlungsphase abgeschlossen wurde (Ende letzten Jahres) und die zweite Phase in Gang kommt, ist es an der Zeit zuzugeben, dass dieser Austritt aus der EU Großbritannien einerseits viele Möglichkeiten öffnet und, dass er andererseits neue reale Risiken für die Europäische Union schafft.

Tatsächlich könnten sich in dieser zweiten Verhandlungsphase, die sich auf die Übergangsperiode und die zukünftigen Beziehungen zwischen den beiden Parteien konzentrieren wird, die Kräfteverhältnisse umkehren. Die britische Regierung, der seit Beginn ein Mangel an Klarheit und Realismus vorgeworfen wurde, hat durch Theresa May am 2. März eine Reihe von Punkten geklärt und einen konkreten Austrittsplan aufgestellt. Die Kommission ihrerseits zeigt sich immer weniger kooperativ und stellt Anforderungen (Verhinderung, dass Großbritannien in der Übergangsperiode mit der Verhandlung von  Handelsabkommen anfängt; Verlagerung der Zollgrenze von der irischen Grenze an die Grenze zwischen der irischen  und der britischen Insel), die von einigen Beobachtern als unrealistisch eingeschätzt werden. Wenn die Europäische Union sich zu lange blind gegenüber den Fortschritten Großbritanniens zeigt und einen erbärmlichen Revanchegeist an den Tag legt (der dazu dienen soll, anderen Ländern Angst einzujagen), könnte das zu einer Gegenreaktion führen, die genau das, was sie vermeiden will, auslöst, nämlich einen Domino-Effekt.

Der Brexit stellte ein größeres Versagen der Europäischen Kommission dar. Er sollte eigentlich dazu führen, dass sie sich selbst reformiert, stattdessen rächt sie sich am Vereinigten Königreich. Wenn wir uns stattdessen 2019 in einer Situation wiederfinden, in der das von der Brüsseler Vormundschaft befreite Vereinigte Königreich Erfolg hat (mit einem dynamischen, modernen und dem Rest der Welt zugewandten Image), währen die EU weiterhin in ihrem Nicht-Funktionieren, ihrer Langsamkeit und ihren Blockaden schwimmt, welche dazu geführt haben, dass Großbritannien geflüchtet ist, was wird dann ihrer Meinung nach passieren?

Theresa May schließt die Reihen

Ein ersten Anzeichen für eine wesentliche Änderung der Kräfteverhältnisse in den Verhandlungen ist die herzliche, ja sogar warme Aufnahme, die die Rede von Theresa May am 2. März im Mansion House erhielt[1]. Dennoch besteht die Wahrnehmung, dass die Premierministerin seit den vorgezogenen Wahlen vom Juni 2017 in größeren Schwierigkeiten ist. Wir haben sogar ihren Rücktritt vor dem Ende des Jahres 2017 antizipiert. Tatsache ist, dass der letzte Dezember besonders hart für sie war. Aber sie hat durchgehalten und hat so gezeigt, dass sie auch starke Unterstützter hat, und erscheint derzeit mit einer besseren Dynamik. Sogar der Guardian, der weit davon entfernt ist, ihr wohlgesonnen zu sein, betont die gute Reaktion in der konservativen Partei auf die Rede ihrer Chefin. Der Autor räumt sogar ein, dass die Annahme eines Zurückdrehens der Uhr, nämlich der Organisation eines neuen Referendums mit dem impliziten Ziel der Annullierung des Referendums von 2016, derzeit geplatzt ist[2].

Die Konservativen wieder zusammenschließen

In dieser Rede ist es Theresa May gelungen, zwei Strömungen in ihrer Partei zu erreichen: die Brexiter und die Anti-Brexiter. Die konservativen pro-EU-Rebellen konnten den Realismus der Rede anerkennen, in der die Regierungschefin einräumte, dass es Verluste geben wird, dass die Handelsbeziehung nach dem Verlassen des gemeinsamen Marktes weniger fluid sein wird … Während den eifrigsten Verteidigern des Austritts Großbritanniens versichert wurde, dass die Regierung für „alle Szenarien“ (das schließt unausgesprochen auch einen „No deal“ ein) vorbereitet ist, und zwei ihrer „five tests“ für ein gutes Abkommen[3] waren direkt an sie gerichtet[4]. Dadurch, dass sie sich an alle wendet, um eine Übereinstimmung zu erzielen, der es der Partei in der europäischen Frage fehlt, gelingt es ihr, die Reihen hinter sich zu schließen.

Die britische Wirtschaft macht Brüssel verantwortlich

Über die Sicherstellung der Unterstützung ihrer Partei hinaus ist Theresa May in ihrer Rede der echte Kraftakt der Gewinnung der britischen Wirtschaftsvertreter gelungen. In einem Interview mit Le Monde und verschiedenen europäischen Medien macht Carolyn Fairbairn, Generaldirektorin des Verbandes der britischen Industrie (CBI), die sich bis dahin sehr hart mit der Regierung gezeigt hat, jetzt Brüssel verantwortlich: „Es ist an der Zeit, dass die Europäische Union einen offenen Ansatz annimmt und das Verhandlungsangebot ernsthaft prüft, mit Respekt und ohne die Nebensätze, die wir in der Vergangenheit gehört haben. Natürlich wird nicht alles allgemeine Zustimmung erhalten, aber es stellte eine gerechte und solide Verhandlungsbasis dar“. Die Chefin der britischen Industrielobby erinnert sogar daran, dass die Verhandlungen beide  Parteien betreffen: „Manchmal hört man, dass die Verhandlungen nur Großbritannien betreffen, dass es sich um ein Geschenk an Großbritannien handelt. Das ist nicht richtig. Ich habe mit dem MEDEF (französischer Arbeitgeberverband), dem BDI, mit Unternehmen quer durch Europa gesprochen. Sie sind sehr klar: Für sie ist die Bewahrung einer engen Beziehung mit Großbritannien vital“[5].

Abbildung 1 – Wirtschaftswachstum in Großbritannien, 2015-2018. Quelle: Trading economics.

Die Katastrophe hat nicht stattgefunden

Es handelt sich hier um eines der ersten derartigen Signale seitens eines Arbeitgebervertreters. Bis dahin forderten die Arbeitgeber mindestens einen Verbleib im Gemeinsamen Markt, ja sogar eine Umkehr des Ergebnisses des Referendums. Natürlich spielt die wirtschaftliche Lage Großbritanniens in diesem Meinungsumschwung eine Rolle. Mehr als 21 Monate nach dem britischen Referendum über einen Austritt aus der Europäischen Union hat der versprochene wirtschaftliche Zusammenbruch nicht stattgefunden. Die Arbeitslosenquote ist weiter zurückgegangen, um Anfang des Jahres 2018 ihr niedrigstes Niveau in 42 Jahren (4,3%) anzunehmen, die britische Industrie hat acht Wachstumsmonate gesehen (was seit 1994 nicht der Fall gewesen ist), die Niedriglöhne werden im April um 4,3% ansteigen, dann wird der Mindestlohn 7,83 Pfund (8,8 Euro) betragen. Der bedrohlichste Indikator war in diesen letzten Monaten die Inflation. Sie ist heute in der Nähe von 3%, sollte aber im Laufe des Jahres wieder zurückgehen[6].

Die City ist von MIFID II nicht begeistert

Ein anderer Wirtschaftsbereich der begonnen hat, sich in Richtung der Ziele der Regierung zu bewegen, ist der Finanzsektor. Die City hat ihre Anhänglichkeit an den europäischen Finanzpass (ein Ausdruck, der die Gesamtheit der europäischen Regulierung umfasst, die es den verschiedenen Mitgliedsstaaten erlaubt, Finanzdienstleistungen auszutauschen) nie versteckt, aber angesichts der neuen europäischen Regulierungen, dem berühmten MIFID II, ist sie sehr viel weniger enthusiastisch. Die Absicht der Regierung, wie die der Mehrheit der britischen Finanzunternehmen, besteht im Versuch, nach dem Brexit den größtmöglichen Zugang zum europäischen Markt aufrecht zu erhalten[7]. Ein Scheitern dieses Plans würde jedoch nicht negativ gesehen werden, da dann tatsächlich vermieden werden könnte, unter dieses neue Regelwerk zu fallen. MIFID II ist im Januar in Kraft getreten und der Text erstreckt sich auf 7000 Seiten oder wie Juliet Samuel es gerne ausdrückt[8], er ist „so lang wie sechs Bibeln“[9]. Wir kennen die liberale DNA dieses Londoner Milieus und sie ist nur sehr wenig kompatibel mit einer solch unverdaulichen Kontrolle des Marktes.

Eine Rückkehr zum Commonwealth verbunden mit einer vertieften Handelspartnerschaft mit der EU

Ein Warenhandel ohne Hindernisse

Ein Verlassen dieser Regulierung und eine Emanzipation von der Brüsseler Bevormundung ist nach wie vor sehr wahrscheinlich, denn obwohl eine Handelspartnerschaft nach dem Brexit selbstverständlich ist, ist es nicht garantiert, dass sie die Finanzdienstleistungen abdeckt. Die Rede der britischen Regierungschefin vom 2. März hat einen Punkt, den sie schon vorher angekündigt hatte, definitiv geklärt: die künftigen europäisch-britischen Beziehungen werden durch ein Freihandelsabkommen definiert. Es ist sehr wahrscheinlich, um nicht zu sagen gesetzt, dass dieses Abkommen einen Warenverkehr ohne Zollschranken und Zollkontingente garantieren wird, da dieses Ziel von beiden Verhandlungsparteien geteilt wird. Für die Europäer erscheint dieser Punkt offensichtlich, da die Waren-Handelsbilanz sehr stark positiv zugunsten des Kontinents ist. Den Briten wird dieser Punkt erlauben, ihre Importkosten zu begrenzen.

Abbildung 2 – Britische Handelsbilanz, Waren (blau) und Dienstleistungen (gelb) in Milliarden Pfund Sterling, 2013-2017. Quelle: ONS.

 

Dienstleistungen als Hauptthema der Verhandlungen

Was dagegen noch verhandelt werden muss, das sind die Handelsbedingungen für den Dienstleistungssektor. Hier drehen sich die Kräfteverhältnisse um, Großbritannien hat im Dienstleistungssektor einen Handelsüberschuss mit der EU. Die Kommission, deren Ziel es bleibt, dass es der britischen Wirtschaft nach dem Austritt aus dem Gemeinsamen Markt schlechter geht, um den 27 zu beweisen, das es außerhalb der EU kalt ist, möchte natürlich diesen Punkt aus dem Abkommen heraushalten. Das ist umso leichter, als die Mehrzahl der Handelsabkommen diesen Bereich nur sehr schlecht abdeckt. Noch keinem Handelsabkommen ist es gelungen, die Finanzdienstleistungen abzudecken. Theresa May möchte, dass das durch diese Verhandlungen zustande gekommene Abkommen das erste ist. Die 27 weigern sich und werden wahrscheinlich auf dieser Position beharren, weil ihnen die Bedeutung dieses Bereiches für die britische Wirtschaft bewusst ist. Sicher ist diese Bedeutung real, jedoch wird sie oft überschätzt. Tatsächlich haben Unternehmensdienstleistungen, also Bereiche wie Rechtsberatung, Consulting oder Marketing, einen höheren Gesamtwert als die Finanzdienstleistungen[10]. Und im Freihandelsabkommen dürften die Unternehmensdienstleistungen leichter zu berücksichtigen sein, so dass der Finanzbereich nicht der einzige britische Trumpf ist und die durch einen begrenzten Zugang zum europäischen Finanzmarkt verursachten Verluste beherrschbar sein werden.

Die Rückkehr in den Commonwealth

Natürlich ist die Qualität der Beziehungen zur EU ein echtes Ziel Großbritanniens. Aber mindestens genauso wichtig ist die Positionierung des Landes auf einer neuen Basis, einem einerseits riesigen und vernetzten politischen und kommerziellen Raum, in dem die Briten andererseits echte Meister sind. Sie wollen sich auf der Basis ihres ehemaligen Imperiums positionieren: des Commonwealth.

Für dieses Jahr sind mehrere Veranstaltungen organisiert mit dem Ziel der Vorbereitung der Stärkung der Handelsbeziehungen zwischen London und den anderen Mitgliedern dieser zwischenstaatlichen Organisation. Das Department of International Trade wird im April 2018 Gastgeber des Commonwealth-Gipfels sein und das britische Engagement für einen freien und globalen Handel ist der erste Tagesordnungspunkt dieses Treffens. Daran hat Theresa May am 13. März (Commonwealth Tag) erinnert: „In dem Moment, in dem wir versuchen ein echt globales Großbritannien zu schaffen, können uns die tiefen Partnerschaften, die wir durch einen Commonwealth des 21. Jahrhunderts teilen, helfen, den Wohlstand und die Sicherheit unserer eigenen Bürger und der unserer vielen Freunde und Verbündeten auf der ganzen Welt zu stärken[11].

Noch zielgerichteter und vielleicht konkreter organisiert die nordwestliche Region Englands ebenfalls ein Treffen zwischen 300 Unternehmensvertretern und Experten für die Beziehungen mit dem Commonwealth. Die Veranstaltung markiert den Start der ersten Merseyside & Cheshire Commonwealth Association, deren Ziel ein großes Netzwerk zwischen Einzelpersonen und Organisationen ist, die bei der Förderung der Handels- und kulturellen Beziehungen zwischen dem Nordwesten Englands und den 52 Mitgliedsstaaten der zwischenstaatlichen Organisation engagiert sind[12].

Abbildung 3 – Anteil der Eurozone und des Commonwealth an der Weltwirtschaft, 1970-2016. Quelle: Asia Briefing.

 

Der Vorteil der Sprache und des Rechtssystems

In dieser Art von Beziehungen hat Großbritannien auf der internationalen Ebene seine eigene Vorteile. Seine Sprache und sein Rechtssystem sind die wichtigsten, der Einfluss seiner Universitäten, seine Fähigkeit zur Innovation und zur wissenschaftlichen und technologischen Forschung sind Soft-Power-Elemente, die ebenfalls in den Dienst des internationalen Handels gestellt werden können. Open Europe ist in einem Bericht über die Handelsprioritäten außerhalb der EU der Ansicht, dass für Großbritannien die interessantesten Länder Kanada, Indien und Israel sind. Die beiden ersten sind Teil des Commonwealth, Kanada hat die gleiche Amtssprache und die beiden anderen verwenden sie weitgehend. Alle drei haben das gleiche Rechtssystem[13]. Diese Faktoren waren beim internationalen Handel, der vor allem auf dem Verständnis zwischen Kunden und Lieferanten und auf der Fähigkeit zur Umsetzung des sie verbindenden Vertrages beruht, schon immer ausschlaggebend.

Ungenutztes Handelspotential

In derselben Studie bewertet Open Europe ungenutzte Potentiale in bestimmten Schwellen- oder Industrieländern. Unter denen mit den besten Chancen findet man drei Commonwealth-Länder: Kanada, Indien und Nigeria.

Kanada erscheint heute und nach dieser Studie als das Land, das die wichtigsten Chancen für Großbritannien bietet, mit einer potentiellen Ausweitung des Handels in einer Größenordnung von 7 Milliarden Pfund. Um dieses Potential nach dem Brexit maximal zu nutzen, empfiehlt der Think-Tank, das kürzlich mit der Europäischen Union verhandelte Abkommen (CETA) als Grundlage zu nehmen. Justin Trudeau scheint das übrigens nach dem Besuch Theresa Mays in Ottawa im letzten September mehr zu unterstützen[14]. Anschließend wäre es gut, es durch die Ausweitung auf Dienstleistungen und insbesondere Finanzdienstleistungen an die britischen Besonderheiten anzupassen. Im Austausch könnte Großbritannien den kanadischen Bürgern einen leichteren Zugang nach Großbritannien anbieten, um dort zu leben oder zu arbeiten. Derzeit haben sie keinen besonderen Vorteil.

Nach Open Europe würde bis 2030 Indien die besten Chancen bieten, weil das Land und seine Region in den kommenden Jahren ein größeres Wachstum sehen wird als die entwickelten Länder. Da Indien eines der protektionistischsten Länder der Welt ist[15], wird es für Großbritannien sehr viel schwieriger werden, diese Beziehung zu vertiefen. Ohne zu berücksichtigen, dass die Engländer dort keine guten Erinnerungen hinterlassen haben …[16]

Auch Nigeria bietet nach Open Europe interessante Geschäftsmöglichkeiten in einer Größenordnung von fast 3 Milliarden Pfund. Aber auch hier werden große Schwierigkeiten wegen der Instabilität des Landes gesehen. Ein Freihandelsabkommen wäre deshalb schwierig und sollte mittelfristig angestrebt werden, jedoch könnte eine britische Unterstützung für die Entwicklung des Landes Früchte tragen, sie könnte auch speziell auf wichtige Infrastrukturprojekte ausgerichtet werden.

Großbritannien in ein internationales Handelsdrehkreuz verwandeln

Die wachsende weltweite Nachfrage im Dienstleistungsbereich

Außerhalb des Commonwealth stellen die Schwellenländer echte Chancen im Dienstleistungsbereich dar. Wie von Simon Everett[17] erklärt, wächst die Nachfrage nach Dienstleistungen stärker als die Gehälter: „Deshalb sollte das anhaltende Wachstum auf den Märkten der Schwellenländer bedeutende Geschäftschancen für britische Dienstleister darstellen. Dies gilt insbesondere für High-End-Dienste“[18]. Und viele dieser Schwellenländer verwenden das britische Rechtssystem, deshalb wird Großbritannien leicht eine privilegierte Beziehung mit ihnen etablieren oder entwickeln können. Seine wiedergefundene Unabhängigkeit in der Handelspolitik und die Tatsache, dass es nicht mehr die Interessen der 27 anderen Mitgliedsstaaten in einer Verhandlung oder sogar bei der Zielsetzung der Marktentwicklung berücksichtigen muss, ermöglichen es ihm, schneller Fortschritte zu machen und flexibler/agiler zu sein. Andererseits wird oft die Schwierigkeit und die lange Dauer des Abschlusses von Handelsabkommen beschrieben. Aber es ist immer möglich, eine bestimmte Anzahl an Dienstleistungen ohne Handelsabkommen zu exportieren, weil Großbritannien das gleiche Rechtssystem und die gleiche Sprache wie viele andere Länder hat.

Die Zügel von TISA wieder übernehmen

Im Jahr 2013 wurde im Rahmen der WTO TISA als Initiative für die weltweite Liberalisierung des Dienstleistungsbereichs gestartet und von der EU und den Vereinigten Staaten von Obama getragen. Die Verhandlungen haben jetzt ein totes Ende erreicht, sie sind gestoppt, unter anderem durch den Einzug von Donald Trump ins Weiße Haus. Wenn sich die in der vorigen Ausgabe des GEAB aufgestellte Antizipation über eine EU-internen Blockade bei Handelsverhandlungen wegen einer Konfrontation zwischen der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament nach den Wahlen von 2019 realisiert, dann wäre das Feld für Großbritannien frei, der Motor für diese Art von Verhandlungen zu werden. Das wird wahrscheinlich nicht ausreichen, um die Situation vollständig zu entschärfen, aber das wäre eine zusätzliche Botschaft an die Schwellenländer und deren Märkte, dass Großbritannien bereit ist, seinen Markt zu öffnen und Dienstleistungen in verschiedenen Bereichen zu exportieren.

Das zukünftige weltweite Wachstum einfangen

Sich nach dem Brexit auf diese Art von Geschäft zu konzentrieren, ist eine Zukunftsstrategie. Das haben neben anderen die IWF-Experten gesehen: 90% des globalen Wachstums wird in den kommenden zwanzig Jahren aus außereuropäischen Ländern kommen[19]. Seit der Krise von 2008 haben die Schwellen- und Entwicklungsländer ein größeres Gesamt-BIP als die entwickelten Länder. Deshalb handelt Großbritannien heute weniger mit der Europäischen Union und den größeren Handelsblöcken als mit dem Rest der Welt[20]. Die Weltwirtschaft erlebt in den kommenden Jahren größere Veränderungen und GB wird mit einer unabhängigen Handelspolitik besser in der Lage sein, sich strategisch anzupassen und zu positionieren

Abbildung 4 – Pro-Kopf-Wachstum nach „Entwicklungs“-Region, 1996-2019. Quelle: UNO.

 

Entwicklung in zu einem internationalen Handelsdrehkreuz

Die zugrunde liegende Strategie der britischen Regierung könnte versuchen, die beiden Welten zu verbinden. Gesetzt, dass es über ein Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union verfügt, wäre Großbritannien, wenn es Abkommen mit Ländern, die kein Abkommen mit dem Kontinent haben, abschließt, in einer interessanten Position als internationales Handelsdrehkreuz. Das gleiche gilt für die Vereinigten Staaten. Donald Trump und Theresa May haben ihren Willen bekräftigt, die beide Länder verbindenden „speziellen Beziehungen“ in den Dienst des Handels zu stellen. Auch wenn hier eher die amerikanische Seite im Vorteil ist, könnte Großbritannien auch hier aus einer privilegierten Position spielen. Die Vereinigten Staaten haben 14 Freihandelsabkommen mit 20 Ländern, davon keines auf dem europäischen Kontinent (nur Länder im Nahen und Mittleren Osten, in der Region Asien-Pazifik und auf dem amerikanischen Kontinent). Auf diese Weise strebt die Regierung von Theresa May sicher danach, Vermittler zwischen Ländern zu sein, die nicht direkt durch Abkommen verbunden, aber möglicherweise an einem leichteren Zugang zu den jeweiligen Märkten interessiert sind. Wie Gerard Lopez, Präsident der spanischen Tochter von Plexus IT bemerkt hat: „Die Wirtschaft, seine geographische Lage und eine anerkannte Währung könnten Großbritannien zu einem Drehkreuz machen, das die Vorteile einer gewissen Unabhängigkeit mit all den Vorteilen eines anerkannten Handelspartners der EU und der USA verbindet. Es gibt eine Rolle für einen quasi Unabhängigen“[21].

Eine solche Rolle würde zweifellos dazu beitragen, die durch das Ende des uneingeschränkten Zugangs zum Gemeinsamen Markt verursachten Verluste zu verringern.

Unter diesen Bedingungen kann man feststellen, dass Großbritannien alle Karten hat, um einen Erfolg aus dem Brexit zu machen. Jetzt, da die Regierung und die Konservative Partei vereinigter hinter ihrer Führungsfigur stehen und da sie eine Verhandlungsphase beginnen, die einfacher ist als die vorige, werden sie sich darauf konzentrieren können, bei den Europäern das bestmögliche Abkommen zu erzielen. Sie werden ebenso anfangen können, ihre Partnerschaften mit den „Old friends and new allies“ und dem Ziel ein Vermittler zwischen den beiden Welten zu werden, neu zu entwickeln. Sicherlich sind die Schwierigkeiten und sogar die Herausforderungen real, aber manchmal muss man sich selbst untergraben, um die notwendigen Strukturreformen so effizient und schnell wie möglich zu unternehmen, um in eine neue Welt aufzubrechen, die weniger westlich-zentriert ist und die das Auftauchen neuer Märkte antizipiert.

Auf der anderen Seite des Kanals sind die Risiken für die Europäer real, die vor allem nicht in die Falle der Verhandlungsblockade und der Bestrafung der Briten für das Wagnis, die Union zu verlassen, fallen sollten. Auf der einen Seite haben auch sie in einer Handelsbeziehung von schlechter Qualität mit ihrem Partner von der anderen Seite des Kanals viel zu verlieren und auf der anderen Seite könnte die Aussendung eines zu harten Images bei den Verhandlungen sich gegen die Kommission wenden. Die Kommission ist derzeit bei den europäischen Bürgern schon sehr unpopulär und Verhandlungen in Form einer Strafexpedition haben schon dazu beigetragen, ein von ihr noch nicht überzeugtes britisches Establishment in die Arme von Theresa May zu treiben. Und sie könnten sicherlich die Bürger des Kontinents, die immer allergischer auf diese autoritäre und illegitime Kommission reagieren, stark verärgern. 2019 könnte somit zu einem Wendepunkt für die Europäische Union und das Vereinigte Königreich werden, wenn sich erstere als unfähig zur Modernisierung / Transformation herausstellt, während letztere beweist, dass man außerhalb der Brüsseler Vormundschaft in zwei Jahren ein modernes und hochvernetztes Handelsimperium aufbauen kann …

Und wenn der Brexit ein Erfolg wäre? Wenn er beweisen würde, dass die EU kein angepasster Rahmen mehr ist für die Herausforderungen, Chancen und Ziele eines Landes im 21. Jahrhundert? … Anstatt Großbritannien zu bestrafen, wäre es nicht Zeit, objektiv die Arbeit der von diesem Land realisierten Neupositionierung zu betrachten und die Strategie zu etablieren, die es dem Kontinent erlauben wird, von dieser Dynamik zu profitieren: sich damit zu verbinden und daraus Lehren zu ziehen, um sein Modell zu erneuern[22] ?

Wenn dies der Kommission nicht gelingt, dann werden die Mitgliedsstaaten alle nach und nach dem Beispiel Großbritanniens folgen, ohne Aufsehen und ohne Referendum, einfach „faktisch“. Der Domino-Effekt hat schon begonnen. Und „faktisch“ geht Großbritannien schon nach vorne, während es noch in der EU ist. Was dieses Land derzeit macht, können tatsächlich alle Mitgliedsstaaten der EU machen … und das machen sie, wie es übrigens der Rest dieser Ausgabe des GEAB Nr. 123 zeigt.

[1]     Quelle: BBC, 02/03/2018

[2]    Quelle: The Guardian, 04/03/2018

[3]    Sehr geschickt hat Theresa May fünf Konsenskriterien definiert, die ein gutes Abkommen erfüllen sollte: 1) Respektierung des Ergebnisses des Referendums 2) Nachhaltigkeit 3) Schutz von Arbeitsplätzen und der Sicherheit 4) Übereinstimmung mit den Prinzipien eines modernen, der Welt zugewandten Englands und der europäischen Demokratie und 5) Stärkung der Nationen und der Menschen des Vereinigten Königreichs.

[4]    Quelle: Politico, 05/03/2018

[5]    Quelle: Le Monde, 09/03/2018

[6]    Quelle: Le courrier international,19/01/2018

[7]    Quelle: Politico, 07/03/2018

[8]    Leitartikler des Telegraph

[9]    Quelle: Telegraph, 07/01/2018

[10]  „UK faces struggle to redesign trade relationships, in charts“. Quelle: Financial Times, 03/02/2017

[11]  „As we look to create a truly Global Britain, the deep partnerships that we share through a 21st Century Commonwealth can help us strengthen the prosperity and security of our own citizens, and those of our many friends and allies across the world.” Quelle: Independent, 13/03/2017

[12]  Quelle : LBN Daily, 07/03/2018

[13]  Quelle: Open Europe, 25/04/2017

[14]  Quelle: Independent, 18/09/2017

[15]  Quelle: Doing Business, 2018

[16]  Die britische Kolonialisierung Indiens war unglaublich gewalttätig, was viele Quellen belegen. Zum Beispiel: Colonial Justice in British India: White Violence and the Rule of Law, Cambridge Studies in Indian History and Society. Quelle: Amazon

[17]  Professor für internationalen Handel und Wirtschaftsentwicklung an der Universität St. Gallen in der Schweiz.

[18]  „So continued growth in emerging markets should be a significant business opportunity for UK services providers. This is especially true for high-end services.“ Quelle: Financial Times, 03/01/2018

[19]  Quelle: Financial Times, 11/11/2017

[20]  Quelle: London School of Economics,10/02/2017

[21]  “The economy, its geographic location and a currency that is respected could make the UK the hub that has the advantages of a certain independence with all the advantages of being an accepted trade partner to the EU and the US. There’s a role to be played as a quasi-independent.” Quelle: The Telegraph, 13/07/2017

[22]  Das haben wir schon im September 2016 festgestellt, siehe GEAB Nr. 107

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