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Brasilien, Europa, Iran, USA, Saudi-Arabien – Rückkehr des nationalen Souveränismus: Auf dem Weg zu einem neuen letzten Gefecht der Nationalstaaten?

Die globale systemische Krise komponiert seit fast 10 Jahren einen beeindruckenden symphonischen „Kanon“[1], in welchem die Finanzkrise, die Wirtschaftskrise, die gesellschaftliche Krise, die politische Krise, die ideologische Krise und die geopolitische Krise, die alle von globaler Natur sind, ähnliche melodische Linien spielen, die aber mit Verzögerung einsetzen.

Wir sagen das jetzt schon seit mehreren Monaten: es ist der politische Aspekt der Krise, der derzeit die globale Agenda auf eine beeindruckende und beunruhigende Art dominiert. Die Schwächung der Staaten im Rahmen dieser politischen Krisen, kombiniert mit geopolitischen oder wirtschaftlichen Schocks, denen diese Staaten ausgesetzt sind, führt heute zu einem nationalen Rückzug, der nichts gutes für die Demokratie im Inneren und den Frieden im Äußeren verheißt. All dies haben wir schon im Detail beobachtet. Es geht nun darum, die Charakteristiken dieses in mehrere Richtungen gehenden nationalen Rückzugs gut zu verstehen.

Sich häufende politische Krisen und Schwächung der Staaten in einer ersten Phase

Den symbolträchtigsten Fall dieser politischen Krise liefert uns Brasilien und dieser zweite Versuch der politischen Klassen des Landes, ihre demokratische gewählte Präsidentin des Amtes zu entheben[2]. Aber dieser beispielhafte Fall, der jetzt Länder betrifft, die modern sind und von einer global bedeutsamen Größe, ist nicht isoliert. Fast gleichzeitig gab es einen Versuch der Amtsenthebung, der schließlich abgewendet wurde, gegen Jacob Zuma, den südafrikanischen Präsidenten[3]. Zuvor passierten schon unter größerem Aufsehen extreme Infragestellungen in der Türkei gegen Erdogan[4] oder in Russland gegen Putin[5]. Natürlich muss auch der Fall Janukowytsch[6] in der Ukraine in dieselbe Kategorie der Amtsenthebung oder des Versuchs der Amtsenthebung von gewählten Staatschefs gesetzt werden. Auch Europa hat sein Beispiel, nämlich Italien, das von einem nicht gewählten Regierungschef regiert wird seit dem erzwungenen Rücktritt von Enrico Letta im Jahr 2014[7] (dieser war wenig populär).

Man kann sagen, dass alle diese Unregelmäßigkeiten ihren Ursprung im arabischen Frühling haben, obwohl es auch interessant ist zu bemerken, dass im zeitlichen Ablauf die vertriebenen Staatschefs aus demokratischen Systemen kommen, die immer weniger fragwürdig sind.

Als allgemeine Aussage muss man diesen Trend in Verbindung bringen mit der Notwendigkeit der Transparenz durch das Internet und der Notwendigkeit (auch verursacht durch die Internet-Revolution) zur Erfindung von neuen demokratischen Methoden, was wir hier schon oft diskutiert haben. Unbestreitbar reicht im Zeitalter des Internets und eines globalisierten und hochgradig verbundenen sozialen Gefüges das alte System der demokratischen Validierung der führenden Politiker durch periodische Wahlen nicht mehr aus, um eine ausreichende Legitimation zum Regieren zu schaffen. Zahlreiche Denker arbeiten an der Neuerfindung der Werkzeuge der demokratischen Legitimierung der Politik durch die Menschen, aber in diesem Stadium ist das, was die Bürger von dieser Arbeit sehen, nicht sehr beeindruckend und besteht im Wesentlichen darin, zu sehen, dass neue Parteien entstehen, dass gewählte Politiker abgesetzt werden und dass abgehaltene Volksabstimmungen ignoriert werden[8]. Die zu dieser größeren Frage notwendige Reform ist unendlich grundlegender.

Verhärtung der Staaten und Aufgabe der Prinzipien der Offenheit und der Demokratie in einer zweiten Phase

Aber in der Abwesenheit von Lösungen liefern die immer schwerwiegenderen politischen Destabilisierungen, deren Zeuge wir sind, die idealen Bedingungen für eine Verhärtung der Staaten, die Aufgabe der demokratischen Prinzipien und die Gleichschaltung der nationalen Kollektive durch eigene oder fremde Interessen. Zwischen Vormundschaft durch eine fremde Macht und anständigem Nationalismus, die Völker werden in den kommenden Jahren in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle spielen, überall dort, wo die Spitze der politischen Pyramide verändert wurde.

Was den Nationalismus betrifft haben wir die Beispiele von Putin und Erdogan, politische Führer, die durch die Krisen, die sie getroffen haben, verhärtet wurden. Was die Vormundschaft betrifft haben wir die Ukraine, Ägypten, …

Südamerika: Amerikanische Vormundschaft oder Eintritt ins 21. Jahrhundert?

Was Brasilien betrifft, haben wir seit mindestens einem Jahr auf diesen Seiten antizipiert, dass es für Südamerika, nachdem es sich zu Ende des 20. Jahrhunderts von den Militärdiktaturen befreit hat, notwendig sein könnte, auch die Zeit der populären Revolutionen hinter sich zu lassen, bevor es mit Zuversicht in die Zukunft blicken kann. Ganz sicher ist es berechtigt, sich über eine Rückkehr der Umklammerung des Subkontinents durch die Vereinigten Staaten zu beunruhigen, deren Schocks von Cristina Fernandez in Argentinien[9], Dilma Rousseff in Brasilien, Nicola Maduro in Venezuela[10], … erlebt wurde. Jedoch waren sie alle Erben der linken Revolutionäre einer Vergangenheit, die ganz sicher glorreich war, aber auch verankert in einer jetzt anachronistischen Geschichte.

Deshalb wird es allen betroffenen Ländern nicht gelingen, den ihnen zustehenden Platz in der Welt von Morgen einzunehmen, solange diese Abstammung gegen sie verwandt werden kann. Wenn Dilma Rouseff, ganz modern, an der Verstärkung von MERCOSUR arbeitet oder am Beitrag von Brasilien zur Reform der globalen Governance durch die BRICS, ist es für einige zu leicht, das auf das Konto eines primären Anti-Amerikanismus zu schreiben.

Denn natürlich werden Regime-Changes in diesen Ländern zuerst Unsicherheit und ein Gefühl der Rückkehr in die Vergangenheit verursachen, teilweise auch gerechtfertigt. Aber das Amerika von heute und das der fünfziger Jahre sind sehr verschieden. China steht nicht kurz davor, den Subkontinent wieder zu verlassen und das Internet wird nicht dauerhaft verschwinden. Und die politische Verhärtung, die diese Länder dann erfahren werden, wird genau dem entsprechen, was die ganze Welt in den nächsten Jahren erleben wird. Die Macris und die anderen Temer[11], ganz sicher Freunde der Finanzwelt und der Amerikaner, werden schnell feststellen, dass ihre Sponsoren leerere Taschen und Köpfe haben als sie glauben. Das italienische Beispiel spricht in dieser Hinsicht für sich: Matteo Renzi, der an die Macht gebracht wurde auf dem Höhepunkt der euro-russischen Krise und ganz sicher durch transatlantische Interessen, wurde sehr schnell einer der Hauptkritiker der Sanktionen gegen Russland[12].

Iran: Auf dem Weg zu einem ähnlichen Schicksal?

Das bedeutet, dass diese Verhärtung der politischen Systeme als Reaktion auf die Risiken der Unordnung im Gefolge der zahllosen, alle treffenden Krisen nicht beruhigen kann. Hier ein Beispiel einer politischen Infragestellung, die dramatische Konsequenzen hätte. Im Iran ist es möglich, dass der reformistische Führer Rohani (dem im Februar ein neuer Wahlsieg gelang[13]) tatsächlich nicht mehr so solide ist. Er reitet derzeit auf dem Erfolg der Aufhebung der internationalen Sanktionen und der Öffnungsperspektive, die sich dieser großen Macht endlich bietet. Jedoch lässt die Verzögerung der tatsächlichen Aufhebung der Sanktionen durch die Vereinigten Staaten[14] im Iran ein Gefühl von Verrat wachsen. Und die Ultra-Konservativen im Land sind nicht verschwunden. Wenn der Erfolg von Rohani bezüglich der wirtschaftlichen Öffnung des Landes ihren Einfluss sinken lässt, dann kann die Haltung der Vereinigten Staaten zur Folge haben, dass das reformistische Lager das Gesicht verliert und der Einfluss des konservativen Lagers ansteigt. Es ist nicht notwendig zu präzisieren, dass dies genau die Bedingungen sind, die Israel, Saudi-Arabien und die Vereinigten Staaten autorisieren würden, den Iran anzugreifen, zu dessen Unterstützung dann Russland, Indien und China käme, was wahrscheinlich einen äußerst dramatischen Domino-Effekt für den Mittleren Osten und darüber hinaus auslösen würde. Wenn das Amerika Obamas bewiesen hat, dass es verstehen kann, dass es diese Art Irrtum vermeiden muss, dann könnte das einer Clinton oder eines Cruz dafür dumm genug sein.

Europa: Super-Staat oder Ort der Harmonisierung der nationalen Politiken?

Ein letztes Wort über Europa, das sich auch immer mehr verbarrikadiert hinter seinen Grenzen und seinen Sicherheiten, und das nationalstaatliche Modell, das es erfunden hat. Das heißt, dieser Rückgriff auf die „harten“ Souveränitätswerkzeuge (Armee, Polizei, Grenzen) spielt sich auf zwei Ebenen ab, der Ebene des Nationalstaats und der europäischen supranationalen Ebene, in einer Mischung von objektiver Allianz und einem Kampf der zwei Etagen des einzigartigen europäischen politischen Systems. Und der Kontinent schwingt zwischen zwei Entwicklungen:

. Die eine besteht aus dem Transfer der Souveränitätswerkzeuge auf die europäische Ebene, was die Perspektive der Etablierung eines Super-Staates bedeutet, der alle nötigen Attribute hätte, um seine Rolle in der globalen Konfrontation, die sich immer mehr abzeichnet, zu spielen.

. Aber die andere ist viel interessanter und real auch zu beobachten: die europäische Ebene nimmt teilweise die Rolle des Wächters der europäischen Werte ein (natürlich der von nach 1945) und lässt dabei der Ebene des Nationalstaates freie Hand, wobei sie die Rolle des Koordinators spielt. Zum Beispiel:

.. Im Fall der italienischen Banken hat Europa einfach eine Regel produziert, legitim und darüber hinaus verständlich, die darin besteht, staatliche Hilfen für den Bankensektor zu verbieten[15]. Dann lässt es das Land damit zurecht kommen. So hat Italien einen Rettungsfond geschaffen, der vom Bankensektor selbst bestückt wird und nicht durch öffentliche Silberlinge[16].

.. Zur Frage der Grenzen, schlagen die europäischen Parlamentarier aktuell vor, dass die neuen Grenzschutzkräfte unter der Kontrolle des europäischen Rates (Mitgliedsstaaten) sind und nicht der Kommission; das heißt, die europäische Ebene macht ein Gesetz und autorisiert damit den Nachbarn dessen, der entscheidet, die Grenze nicht zu schließen, seine Grenze wieder in Kraft zu setzen[17].

.. In der Frage des Umweltschutzes rechtfertigen die Probleme mit der Ostsee heute einen dringlichen Bericht des Europäischen Rechnungshofes, der Druck ausübt auf die Anrainerstaaten, die europäischen Entscheidungen anzuwenden[18].

In den drei Fällen produziert Europa strategische Orientationen und die Regeln/Gesetze und die Mitgliedsstaaten benutzen ihre Souveränitätswerkzeuge, um sie anzuwenden. An beiden Enden dieser Governance-Kette gibt es Baustellen: auf der einen Seite die Stärkung der europäischen Autorität der Anwendung der Regeln und auf der anderen Seite die Erfindung eines Mechanismus der demokratischen Legitimierung der von der europäischen Ebene entschiedenen strategischen Orientationen, eine essentielle Funktion, die das europäische Parlament im derzeitigen Zustand nicht ausfüllt.

Im Fall der ersten Entwicklung sieht man, wie sich ein Europa etabliert, das die nationalen Souveränitätswerkzeuge an sich reißt und in seinem ursprünglichen Projekt der Erfindung eines neuen politischen Modells scheitert. Im Fall der anderen Entwicklung öffnet sich der Weg zu einem Europa, basierend auf seinen Staaten und für deren Kohärenz verantwortlich (wodurch die europäische Demokratisierung aber nicht eingespart werden kann).

Wir haben immer festgestellt, der Weg, den Europa wählt, beeinflusst den, den die Welt nimmt, insbesondere im Aspekt des Risikos der Ausbreitung globaler Konflikte. Heute schätzt unser Team, dass die Ebene des Nationalstaates die beunruhigendste ist (Anstieg von fremdenfeindlichen Bewegungen, Demokratie auf Halbmast, Erhöhung der Militärbudgets, …), und dass die europäische Ebene eher dazu beiträgt, die Richtung der Gründungsgrundsätze beizubehalten[19].

Multipolare Welt: Von einer Welt aus großen integrierten Regionen zu einer Zeit der nationalen Supermächte

Aber außerhalb Europas, dessen Prozess der regionalen Integration, trotz seines Scheiterns auf der politischen Ebene, der fortgeschrittenste der Welt ist, verschwindet die Hoffnung auf eine multipolare, auf großen, alle integrierenden Regionen basierende Welt gerade vor unseren Augen. Man sieht gut, wie sich eine multipolare Welt entwickelt, aber sie besteht aus Super-Staaten, die eine immer klarer hegemoniale regionale Politik machen:

 . Die Vereinigten Staaten, natürlich, die versuchen die Kontrolle über das, was sie für ihre zwei Hinterhöfe halten, nämlich Europa und Südamerika, wieder aufzunehmen;

. Europa, in der Tat auch, in jedem Fall ein bestimmtes Europa, das von einer gigantischen Einflusszone träumt, die aus Ländern besteht, die sich mit ihm verbünden und sich den westlichen europäischen Unternehmen anbieten im Austausch für Visaerleichterungen, … und für ewige und immer wieder enttäuschte Integrationsträume (Georgien, Türkei, Ukraine, …)[20];

. Russland, zwangsläufig, das kämpft, um seine historische Einflusszone aufrecht zu erhalten, in Osteuropa, auf dem Balkan, im Kaukasus und in den turkophonen Republiken – insbesondere mit dem Ziel, die Einkreisung, mit welcher die NATO seit dem Fall der Mauer unaufhaltsam voranschreitet, soweit wie möglich weg zustoßen;

. China (wie man es weiter hinten in dieser Ausgabe des GEAB sieht), das sich in der Welt etabliert und auch das Bedürfnis hat, seine Sicherheitszone um das Land herum zu etablieren und die Routen zu sichern, die es braucht, um seine Bevölkerung von 1,5 Milliarden zu ernähren;

. Saudi-Arabien, das unterhalb des Radars seine Bauern seit vielen Jahren in Position bringt und die Golf-Staaten in zollfreie Zonen umgewandelt hat und das seinen ideologischen Einfluss durch den Petrodollar ausgebreitet hat in die ganze armen arabische Welt, die die Saudis trotz allem nicht mehr liebt und deren gesellschaftlicher Zusammenhalt stark leidet unter dieser Polarisation zwischen westlicher Modernität und saudischem Archaismus, eine Wahl, in der die authentischen Wünsche kaum ihren Platz finden[21];

. Südafrika, in seiner Größenordnung, zeigt auch hegemoniale Charakteristiken, weniger identifiziert durch unsere Medien, aber real und dokumentiert[22].

Von einer Verstärkung des Nationalismus zu einer Rückkehr der Ideologien

Diese Verstärkung der nationalstaatlichen Zentren anstelle der regionalen Zentren wird begleitet von einer wachsenden Ideologisierung von jedem dieser Mega-Akteure und läutet damit die nächste Dimension der globalen systemischen Krise ein, die bereits ihr Gesicht zeigt: die ideologische Krise. Die aus vielen nationalstaatlichen Giga-Zentren bestehende Welt versteckt sich auch immer mehr hinter ihren kulturellen Besonderheiten in einer Bewegung der kompletten Ablehnung des dominierenden westlichen Modells, dem der Planet jahrhundertelang Treue schwören musste. Jetzt fordert Russland die Legitimität seines Modells von Leadership ein, Saudi-Arabien die seines religiösen Modells, die Vereinigten Staaten präsentieren eine Version des westlichen Modells, das von dem, was man bisher kannte, immer mehr abweicht, China elaboriert sein spezifisches Modell, das in 3000 Jahren Geschichte verankert ist, und Europa, Europa denkt weiter über seine universellen und unübertreffbaren Werte nach, Ausbund des Guten, und vergisst dabei leicht die Inquisition und den Nationalsozialismus.

Wir sehen, das Auftauchen von Super-Staaten, mit schon offen konkurrierenden Interessen und mit sich herausbildenden polarisierenden Ideologien kündigt nichts Gutes an, das muss man nicht weiter ausmalen. Das Spiel der aggressiven Positionen und der Verschanzung ist seit 2014 und der euro-russischen Krise, die immer noch nicht gelöst ist, eröffnet. Die Lager sprechen nicht mehr miteinander. Zum Beispiel ist es unvorstellbar, dass die Verhandlungen, die zwischen den Balkanstaaten und der EU laufen, insbesondere mit Serbien, weiter bilateral sind und nicht mit Russland am Tisch, was die Region dem Risiko einer zu jedem Moment ausbrechenden Feuersbrunst unterwirft.

Neue globale Governance: Gründe zum Hoffen, trotz alledem

2014 hat die Welt den falschen Knopf gedrückt. Es bleiben trotzdem Mittel, um die Entwicklungen in weniger erschreckende Richtungen zu lenken. Alles hängt von der Fähigkeit dieser Staaten und Super-Staaten ab, zusammenzuarbeiten, wieder Räume von Dialog und Kooperation aufzubauen.

Wir haben auf diesen Seiten oft von der Arbeit Chinas und der BRICS zur Reform der globalen Governance geschrieben.

Aktuell setzt unser Team große Hoffnungen auf die Konferenz der erdölproduzierenden Länder, die am 17. April stattfinden soll[23], mit dem Ziel, 17 Länder in Übereinstimmung zu bringen über eine Verlangsamung der Produktion. Diese Konferenz bringt an einen Tisch Länder, die so wenig Freunde sind, wie irgend möglich: Russland, Saudi-Arabien, Venezuela, Iran, Mexiko[24] …. Um eine allgemeine Feuersbrunst um das Jahr 2020 herum zu vermeiden, muss die multipolare Welt aus ihren Verschiedenheiten heraus handeln, die Legitimität der Grenzen, die jeder setzt, anerkennen, und Bereiche von Übereinstimmung suchen. Der Erfolg oder Misserfolg der Konferenz von Doha wird Anlass zu Optimismus oder Pessimismus geben über das Potential der Neuerfindung von neuen Mechanismen der globalen Governance.

Krieg oder Frieden, die USA sind der Dreh- und Angelpunkt

Die Vereinigten Staaten sind aber gegen diese Konferenz und wollen sie scheitern sehen. Man muss sich fragen, warum ein Land, das angeblich ein Ölproduzent ist, nicht den Erfolg einer solchen Initiative wünschen kann[25]. Aber außerhalb von Gründen, mit denen sich dieser Artikel nicht befasst, muss man feststellen, dass alle wesentlichen Anstrengungen zur Reorganisation der Welt sich von den USA durchkreuzt sehen und in einem weniger starken Ausmaß auch von Europa. Solange diese Situation andauert, müssen die Bürger der Welt sich Sorgen machen.

Was Optimismus hervorruft, das ist ein bestimmter Fortschritt trotz allem in der amerikanischen Bewusstwerdung über ihre Rolle in der Welt. Unter diesen Fortschritten findet man die Tatsache, dass die Fed endlich aufhört, von einem Wiederanstieg ihrer Zinsen zu reden und diese Entscheidung trifft im Rahmen einer Betrachtung der globalen Situation. Es ist sehr beruhigend, dass Yellen endlich Aussagen produziert, die verantwortlich sind und kohärent mit dem Status des Dollars als internationaler Reservewährung[26]: man kann sich nicht auf der einen Seite an diesen internationalen Status klammern und auf der anderen Seite seine Währung provinziell verwalten mit dem Ziel einer nationalen Inflationsrate von 2%.

Es wäre gut, wenn die Vereinigten Staaten auch so konsistent wären mit ihrem jüngsten Auftauchen in der Riege der erdölexportierenden Länder[27] und also auch an den internationalen Foren teilnehmen würden, die den Zweck haben, die Politik in diesem Bereich zu harmonisieren.

Was den Iran betrifft, sollten die Vereinigten Staaten, um glaubwürdig zu sein in ihrer Rolle, die sie meinen gespielt zu haben bei der Aufhebung der internationalen Sanktionen, auch die promptesten sein bei der Anwendung der Aufhebung der Sanktionen. Andernfalls stellen sich Fragen: Wer war tatsächlich am Werk bei dieser Aufhebung der Sanktionen? Und welchen Einfluss haben die Vereinigten Staaten real auf der internationalen Ebene?

Obama hat klar dazu beigetragen, sein Land dazu zu führen, sich seiner internationalen Verantwortlichkeiten bewusst zu werden und darüber, was es bedeutet, eine globale Macht zu sein in einer Welt, in der man nicht mehr allein ist. Aber die große Gefahr liegt im starken Boomerang-Effekt : Rückzug und definitiver Provinzialismus der USA, die aus dem internationalen Spiel aussteigen und einen eisernen Vorhang vor sich runtergehen lassen, dessen Krachen sehr weit zu hören sein wird.

Heute ist ihr Establishment, wie viele andere auf der Welt, sehr stark gespalten über die Straßen der Zukunft, die ihr Land einschlagen soll. Wie wir es weiter hinten in dieser Ausgabe des GEAB analysieren, ist diese Spaltung sichtbar im kompletten Chaos der Vorwahlen für die kommenden Präsidentschaftswahlen. Sehr klug ist der, der vorhersagen kann, wie Amerika am Ende des Jahres aussehen wird, wissend, dass die Option Clinton nicht annähernd so gutartig ist, wie man uns glauben lassen will.

Im Angesicht dieser immensen Unsicherheit bereitet sich die Welt vor, viele bereiten sich vor … und das Jahr ist ganz sicher weiterhin reich an überraschenden Wendungen…(für mehr, abonieren Sie)

————————————————–

[1]    Quelle: Wikipedia
[2]    Quelle: Reuters, 15/04/2016
[3]    Unser Team hat die zwei Versuche zur Amtsenthebung verfolgt, von denen der in Südafrika eine Persönlichkeit mit einem viel problematischeren Profil als der in Brasilien berührt. Wir haben amüsiert spekuliert, dass ironischerweise der problematischere der Amtsenthebung entkommt und die andere nicht. Für diese Ausgabe des GEAB können wir nicht sicher sein, dass wir zu 100% Recht haben, aber wir haben schon zu 50% Recht …
[4]    Quelle: Al Monitor, 02/06/2013
[5]    Quelle: CSMonitor, 06/05/2013
[6]    Quelle: KyivPost, 22/02/2014
[7]    Quelle: The Guardian, 14/02/2014
[8]    Das niederländische Referendum über das Assoziierungsabkommen EU-Ukraine ist ein gutes Beispiel für diese Art von Desillusion: die Bürger mobilisieren, erreichen ein Referendum, machen Wahlkampf, zeigen eine gigantische Energie, erreichen das Quorum (30%) …  all das für nichts, da das europäische demokratische System völlig unfähig dazu ist, eine solche Anstrengung umzusetzen: die Entscheidung betrifft Europa, aber der Ansatz ist national, eine große Hälfte dieses Drittels der Niederländer sagt „Nein“ und dann? Die total illegitimen Institutionen, die diese Art von Abkommen unterschreiben, können diese demokratischen Initiativen mit einem Handstrich wegfegen. Nein, ganz entschieden sind wir weit davon entfernt, unsere gemeinsamen Interessen geltend zu machen. Quelle: NLTimes, 07/04/2016
[9]    Cristina Fernandez, die zurückgetreten ist aus Respekt vor der Verfassung, wird heute wegen Korruption verfolgt, während ihr Gegenspieler Macri, der jetzt an der Macht ist, in den Panama Papers auftaucht … Quelle: StraitTimes, 08/04/2016
[10]  Quelle: Washington Times, 10/02/2016
[11]  Michel Temer, wahrscheinlicher Nachfolger von Rousseff im Fall der Amtsenthebung. Quelle: Bloomberg, 29/03/2016
[12]  Quelle: Reuters, 16/12/2015
[13]  Quelle: BBC, 28/02/2016
[14]  Quelle: Step, 21/01/2016
[15]  Quelle: Irish Times, 07/04/2016
[16]  Quelle: Financial Times, 12/04/2016
[17]  Quelle: EUObserver, 12/04/2016
[18]  Quelle: EUObserver, 12/04/2016
[19]  Die exemplarische Reaktion der belgischen Medien auf die Terrorangriffe, die eher ihr System hinterfragen als sich in Schmähungen gegen den Islam auslassen (im Gegensatz zu den französischen Medien), trägt zu diesem Gefühl bei, das derzeit die Mitglieder unseres Teams teilen, dass Europa (dessen Hauptstadt Brüssel ist) dazu beiträgt, die Reaktionen auf die Ereignisse zu dämpfen. Quelle: Le Vif/L’Express, 08/04/2016
[20]  Quelle: Visa-free.eu
[21]  Wir sprechen nicht von den zwei anderen regionalen Supermächten, die derzeit nicht im Spiel sind, also dem Iran und der Türkei. Aber hinter der tatsächlichen Dominanz Saudi-Arabiens über eine zerfetzte arabische Welt profiliert sich jedoch auf regionaler Ebene die Herausbildung eines multipolaren Mittleren Osten um diese drei Mächte herum und man sollte diese Entwicklungen aufmerksam verfolgen.
[22]  Quelle: South Africa’s Symbolic Hegemony in Africa, Chris Alden and Maxi Schoeman, 2014, Palgrave Macmillan
[23]  Quelle: GulfTimes, 14/04/2016
[24]  Quelle: Financial Times, 14/04/2016
[25]  Quelle: CNBC, 12/04/2016
[26]  Quelle: Bloomberg, 29/03/2016
[27]  Quelle: Wall Street Journal, 13/01/2016

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