Home Sex, Familie, Fortpflanzung 21: Wie weit werden wir mit der Künstlichkeit gehen?

GEAB Juli 2021

Der monatliche Informationsbrief des Laboratoire européen d'Anticipation Politique (LEAP) - 15 Jul 2021

Sex, Familie, Fortpflanzung 21: Wie weit werden wir mit der Künstlichkeit gehen?

Der Prozess der Entfernung von der Natur wurde vom Menschen vor sehr langer Zeit eingeleitet, vielleicht als er das Feuer erfand; oder noch früher, als er begann, Werkzeuge herzustellen. Die Geschwindigkeit, mit der sich der Mensch aus der Natur herausgezogen hat, ist exponentiell: sehr langsam über Jahrtausende hin; schneller seit der Erfindung des historischen Gedächtnisses durch die großen Zivilisationen Ägyptens, Griechenlands, Roms …, die sich so die Möglichkeit gaben, Erfahrung zu akkumulieren; immer rasanter seit den großen Entdeckungen des 15. Jahrhunderts, als die Entdecker begannen, die Kulturen und Zivilisationen zu durchkreuzen und die Gewissheiten in Frage zu stellen; eine vorletzte Beschleunigung fand im 18. und 19. Jahrhundert statt, als man sich nicht mehr mit dem zufrieden gab, was die Natur an der Oberfläche hervorbrachte, um das anzugreifen, was darunter lag: Erze, Kohle, Erdöl … Diese Etappe ist wichtig, weil sie den Ausstieg aus der Ära eines Fortschritts markiert, der als Optimierung der Gaben der Natur verstanden wurde:  Ab dem 19. Jahrhundert beginnt man, sich von der Natur zu emanzipieren, indem man ihren mineralischen Teil ausbeutet, der einst als unfruchtbar galt … und zwar zum Nachteil ihres fruchtbaren Teils (tierisch und pflanzlich). Nicht zufällig stammt Nietzsches Theorie des Übermenschen aus dem 19. Jahrhundert, denn zu dieser Zeit beginnt der Mensch, sich als Gott zu verstehen, der die Welt nach seinem Bild modelliert.

Aber man war immer noch abhängig von Rohstoffen aus der Natur.  Mit der virtuellen Realität, der Datenwelt, dem Internet, …, verliert der Mensch den Bezug zur Natur und hört auf, sie beherrschen zu wollen, er will jetzt eine neue erschaffen.

Diesem Megatrend der „Artifizialisierung“ (Künstlich-Machung) sind die Themen dieser Sonderausgabe zuzuordnen: Sex, Familie, Reproduktion … auch wenn es angebracht ist, ihn mit anderen Trends zusammenzubringen: Unfruchtbar-Machung, Verwandlung in eine Ware … und vor allem mit einem großen Gegentrend: dem Widerstand gegen Veränderungen.

Dieses dreifache Thema „Sex-Familie-Reproduktion“ hat unser Team ins Zentrum der menschlichen Gesellschaft geführt. Und wenn wir einen Moment lang dachten, dieses Thema sei so leicht wie der Juli, der Monat seiner Veröffentlichung, so wurde uns schnell klar, dass es uns auf den Weg von quasi-philosophischen Reflexionen geführt hat, für die diese wenigen Seiten dieser Sommer-Sonderausgabe nur eine Vorgeschmack sind.

Seit Jahrtausenden stolpert der nach dem Göttlichen strebende Mensch über diesen Instinkt, der ihn an seine quintessentielle Animalität bindet. Aber nicht deswegen, weil wir es zu wenig versucht hätten! Die Fortpflanzung hat in der Tat tausende Versuche, sie zu „zivilisieren“ hinter sich: vergöttlicht in den polytheistischen Religionen, stabilisiert im Rahmen der „Familie“, geheiligt durch religiöse Gelübde, zivilisiert durch die höfische Liebe, vernichtet durch das Zölibat, … In einer Zeit, in der die Welt in dieses entscheidende Stadium der Artifizialisierung kippt, ist es angebracht, sich zu fragen, was mit der Fortpflanzungsfunktion, ihrer Voraussetzung, der Sexualität, und ihrem traditionellen Rahmen, der Familie, geschehen wird.

Wenn die Menschheit jetzt alle Werkzeuge hat, um Nietzsches Traum vom Übermenschen zu verwirklichen, durch welche Verdrehung der tierischen Funktion der Reproduktion wird sie dorthin gelangen? Und wie wird sie ihre Menschlichkeit inmitten eines Sturms von totalitärem Transhumanismus bewahren? Seltsamerweise hat uns unsere Erkundung der Zukunft zurück zur Liebe geführt, dem großen Abwesenden in der Gleichung …

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Zusammenfassung

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