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GEAB 166

Der monatliche Informationsbrief des Laboratoire européen d'Anticipation Politique (LEAP) - 15 Jun 2022

Editorial: 2023-2030 – Endphase der „langweiligen“ Apokalypse

Die Verflechtung aller sich herausbildender Krisen erreicht eine solche Intensität, dass es schwer zu glauben ist, dass es bis zum Ende des Jahres nicht zu einem großen Bruch kommen wird. Abgesehen von Kriegen und anderen Konflikten[1]: Inflation[2], Knappheit[3], beispielloser allgemeiner Verarmung[4], „Hunger-Hurrikan“[5], Naturkatastrophen[6], Dürre[7], Blackout[8], … wenn nicht Ende 2022, dann wird 2023 das Jahr sein, in dem sich die globale Systemkrise im Alltag der Mehrheit der Weltbevölkerung materialisieren wird. Eine schnelle Einigung zwischen der Ukraine und Russland, die wir vor zwei Monaten[9] als letzten Schutz vor dem Umkippen in eine „totale Krise einer 500 Jahre alten Zivilisation, in der nun alles möglich wird“, postuliert haben, scheint kurzfristig immer unwahrscheinlicher zu werden. Wie wir es in unserer Ausgabe vom 15. April beschrieben haben[10], bewegen wir uns also tatsächlich auf ein neues globales Mittelalter zu, das mindestens bis zum Ende des Jahrzehnts andauern wird. Die einzige offene Frage ist, welches neue Zivilisationsmodell in der Lage sein wird, die daraus hervorgehenden negativen politischen und gesellschaftlichen Energien aufzufangen und in etwas Konstruktives umzuwandeln. Diese Frage wird in unserem Artikel „2023 – 2025: Risiken von Blackout …“ gestellt: wie können wir die heute schon notwendige Prosilienz hervorbringen?

Die „Apokalypse“, in der wir uns bereits befinden, wird bald nicht mehr „langweilig“ sein. Der Begriff der „langweiligen Apokalypse“ (boring apocalypse[11]) wurde von mehreren Wissenschaftlern entwickelt, um einen psychologischen Zustand zu bezeichnen, in dem sich ein sehr großer Teil der Bevölkerung befindet. Potenziell beängstigende und historisch neuartige Krisen reihen sich aneinander, ohne dass sie irreversible Auswirkungen auf unser tägliches Leben haben, wodurch die Angst vor ihnen abnimmt, bevor jeder wieder zu seinem normalen Leben zurückkehrt. Die Corona-Pandemie ist natürlich ein emblematisches Beispiel dafür[12]. Trotz der großen Disruptionen der letzten zwei Jahre leben wir weiterhin von unseren Reserven, insbesondere in wirtschaftlicher[13], energetischer[14] oder nahrungsbezogener Hinsicht[15].

 

Abbildung 1 – links die individuelle Sparquote in den USA und rechts der Anteil des Einkommens, der in den USA für Wohnkosten aufgewendet wird. Quelle: Guillaume de Calignon und Charlie Bilello auf Twitter.

Diese Schocks waren vorhersehbar und wurden antizipiert, aber wenn wir jetzt die Reserven angreifen, dann deshalb, weil der Übergang zu einer neuen systemischen Organisation nicht vorbereitet wurde und daher nicht kontrolliert, ablaufen wird. Wir haben den Reflex, den Staub unter den Teppich zu kehren, strapaziert und strapazieren ihn weiterhin bis zu dem Punkt, an dem die Anzahl der das System bedrohenden Krisen seine finanziellen und materiellen Kapazitäten, sie gleichzeitig zu bewältigen, übersteigt. „Energie“ ist dafür das auffälligste Symbol, da sie nach wie vor das Fundament für jede Schaffung von Wohlstand und damit für jedes Wirtschaftssystem ist. Die geopolitischen Krisen (… nicht nur in der Ukraine[16]) addieren sich zur Erreichung der materiellen Grenzen des Systems, bei der Förderung, beim Transport und bei der Umwandlung von Rohstoffen in Energie. Und das, obwohl sich ein alternatives System zur Energieumwandlung immer noch nicht als effizient genug erweist, um den Staffelstab zu übernehmen[17].

Unter den zahlreichen Ursachen für den Untergang von Imperien im Laufe der Geschichte[18] stehen das Wohlstandsgefälle und die Veränderung des Klimas an erster Stelle[19]. Was das Klima betrifft, so befinden wir uns im Übergang von einer La-Niña-Phase (gemäßigter) zu einer El-Niño-Phase (wärmer)[20], einem wiederkehrenden Phänomen, das alle fünf bis sieben Jahre auftritt und extreme Naturkatastrophen und medizinische Episoden (Epidemien, Stürme, Überschwemmungen, …) nach sich zieht[21], einer neuen kurzfristigen Phase, die zur allgemeinen langfristigen Erwärmung des Klimas hinzukommt. In der Wirtschaft ist der allgemeine Abschwung kein Geheimnis mehr[22], Inflation und steigende Zinsen[23] werden den am stärksten benachteiligten Klassen den Todesstoß versetzen und die Verarmung auf die Mittelschichten unter den und innerhalb der Nationen ausdehnen. Und aufgrund der wechselseitigen Abhängigkeiten des globalen Wirtschaftssystems wird sich der Schock potenziell auf den gesamten Planeten ausweiten.

Diese Situation hat ihre Wurzeln in der Unfähigkeit der westlichen Demokratien (und im weiteren Sinne der von ihnen nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg errichteten internationalen Ordnung), sich neu zu erfinden. Ein weiteres Symbol dafür war kürzlich das Schulmassaker von Uvalde und die ewige Debatte über das Tragen von Waffen in den USA. Diese Debatte steckt in einer Sackgasse nicht so sehr wegen der Waffenlobby, sondern vielmehr wegen der Unmöglichkeit, die sakrosankte Verfassung der USA anzutasten. Unser politisch-wirtschaftliches System ist dabei, von der Unfähigkeit, sich neu zu erfinden, zur Unfähigkeit, sich selbst zu erhalten, überzugehen. Ein letztes Symbol: die Flugbegleiter/innen, die einen Beruf ausüben, der bis vor kurzem noch zum Träumen einlud, müssen heute auf Flughäfen schlafen, wenn ihre Fluggesellschaft sich nicht dazu herablässt, ihnen ein Hotelzimmer zu reservieren[24]. Technisches Versagen, menschliches Versagen – der Transportsektor spiegelt auch den Zustand unserer Wirtschaft wider[25].

Diese extremen Situationen sollten den Staaten Möglichkeiten bieten, in direkter Zusammenarbeit mit den Multis wieder die Kontrolle zu übernehmen[26], aber wie in unserem Edito vom April[27] beschrieben, haben selbst die Staaten und damit die mit ihnen direkt verbundenen Multis nicht mehr die Kapazität (und sei es nur die finanzielle), um gegen diesen Zusammenbruch anzukämpfen. Die unwiderstehliche Versuchung, ihre Kontrolle über die Massen zu verschärfen, ist heute das einzige Mittel, um das, was von ihrem System übrig ist, aufrechtzuerhalten. Ein System beim Zusammenbruch zu beobachten ist in der Geschichte nichts Außergewöhnliches, aber dieses Mal sind die Folgen nicht vorhersehbar, da der technologische Fortschritt bei Waffen und Bevölkerungskontrolle denjenigen, die den Stab in der Hand halten, eine nie dagewesene Potenz gibt.

Klima, Energie, Ernährung, Finanzen, Konflikte, … , die „langweilige“ Apokalypse wird uns mitreißen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Die uns erwartenden apokalyptischen Krisen sind systemisch und global. Machen wir uns nichts vor, wir sprechen hier tatsächlich von einer globalen Dimension. Zwar scheint die westliche Welt am verwundbarsten zu sein; die anderen Teile der Welt beobachten sie beim Zusammenbruch in der Hoffnung sich selbst aus der höllischen Spirale zu retten[28]. Aber die Schockwellen des Westens werden selbst hinter der sehr geschlossenen chinesischen Grenze zu spüren sein.

Was uns also bevorsteht, ist nichts anderes als ein langer Flaschenhals, in den wir uns hineinschieben, und eine Atmosphäre, die immer mittelalterlicher wird. Bis es jemandem und/oder einer Entwicklung gelingt, all diese negativen Energien einzufangen und sie in eine Renaissance zu führen.

Diskussion in der GEAB Community auf LinkedIn.

_____________________

[1]      Der Krieg in der Ukraine eskaliert, Konflikte mit China über Taiwan, Nordkorea, Konflikte in Afrika vor allem um Rohstoffe, Wasser, Ethnizitäten, …, Gefahr von Bürgerkriegen, Terrorismus, der durch die Massen an Waffen, die an die Ukraine geliefert werden, angeheizt werden könnte, alltäglich („langweilig“) gewordene Cyberangriffe, Weltraumunfälle, die zu einem Weltraumkonflikt führen …

[2]      Quelle: Bloomberg, 04/0/.2022

[3]      Quelle: The Guardian, 09/06/2022

[4]      Quelle: Oxfam, 25/01/2021

[5]      Ein Ausdruck, der in einem Bericht der Vereinten Nationen verwendet wird. Quelle: France TV, 15/03/2022

[6]      Quelle: CBS News, 10/08/2021

[7]      Quelle: The Guardian, 01/04/2022

[8]      Siehe unseren eigenen Artikel in dieser Ausgabe

[9]      Siehe unseren GEAB Nr. 164

[10]    Wie die Ukraine-Krise die Ankunft eines neuen globalen Mittelalters beschleunigt. Quelle: GEAB 164, 15/04/2022

[11]    Quelle: Science Direct, 09/2018

[12]    Quelle: The New York Times, 10/12/2021

[13]    Guillaume de Calignon auf Twitter 09/06/2022: „Die amerikanischen Haushalte sind dabei, ihre gesamten Ersparnisse, die sie während der Corona-Zeit angesammelt haben, auszugeben“.

[14]    Quelle: Bruegel, 27/01/2022

[15]    Quelle: Foreign Policy, 09/06/2022

[16]    Quelle: Atalayar, 09/6/2022

[17]    Quelle: Oil Price, 27/02/2022

[18]    Quelle: BBC, 19/02/2019

[19]    Quelle: The Guardian, 14/03/2014

[20]    Quelle: Professor Elliot Jacobson auf Twitter, 07/06/2022

[21]    Quelle: L’actualité, 17/02/2022

[22]    Quelle: Quartz, 08/06/2022

[23]    Quelle: BBC, 09/06/2022

[24]    Quelle: The Guardian, 03/05/2022

[25]    Man denkt natürlich an das letzte Eisenbahnunglück in Deutschland (technisches Versagen), Quelle: DW, 05/06/2022, und den Flugzeugabsturz in China (offenbar menschliches Versagen), Quelle: VOAnews, 17/05/2022.

[26]    Wie wir bereits beschrieben haben, impliziert das Konzept des too big to fail, dass Staaten und Multis nicht in der Lage sind, ohne einander auszukommen.

[27]    Quelle: GEAB 164, 15/04/2022

[28]    Als Beweis dafür, dass diese Krisen jeden betreffen, muss man sich nur China und seine Schwierigkeiten ansehen, aus der Coronakrise herauszukommen …

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Zusammenfassung

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