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Der monatliche Informationsbrief des Laboratoire européen d'Anticipation Politique (LEAP) - 15 Jun 2018
Pressemitteilung

Die Welt steht vor einer völlig beispiellosen Entwicklung, die sich anschickt, über den Nahen und Mittleren Osten, Afrika, Indien, Südostasien, die Vereinigten Staaten und den gesamten Planeten 4.0 zu brausen. Die Grundlagen der Organisation dieser Welt sind jetzt erkennbar: globalisiertes Elektrizitätsnetz, Finanznetzwerke, neue Handelswege, Krypto-Währungen, digitale Wirtschaft, neu erfundene globale Governance … Diese Infrastruktur ist die Grundlage der unvorstellbaren multipolaren und multivernetzten Entwicklungsphase, die wir hier zu skizzieren versuchen.

Exponentiell oder explo-nentiell?

Wenn man die Entwicklung des weltweiten BIP seit 1960 betrachtet[1], sieht man, dass es mit Ausnahme eines einzigen Rezessionsschocks in den Jahren 2008-2009 mit erstaunlich gleichmäßiger  Geschwindigkeit wächst. Daran ist nichts erstaunliches, da die Reichtumsproduktion direkt vom Vorhandensein von zu verarbeitenden Rohstoffen, von der für die Produktion zur Verfügung stehenden Arbeitskraft, von der Menge an solventen Verbrauchern zur Transformation dieser Produktion in echten Reichtum, von ausreichenden Geldmengen zum Investieren und von gut ausgebildeten Köpfen zur ständigen Neuerfindung des Prozesses abhängt. In der realen Welt ist all dieser Wachstums-Rohstoff nur in begrenzter Menge verfügbar, was einen starren Rahmen für potentielles Wachstum darstellt.

Abbildung 1: Wachstum des weltweiten BIP (%), 1960-2016. Quelle: Weltbank

Was wir jedoch als Trend ab 2020 antizipieren, ist ein dreifacher Paradigmenwechsel bei den Grenzen des Wachstums:

. Einerseits kommen eine ganze Reihe von neuen Regionen, die in ihren Koffern menschliche Ressourcen, Rohstoffe und innovative Köpfe mitbringen, auf dem Markt der Weltproduktion an. Aber hier bleiben wir in der Stofflichkeit eines weltweiten Wachstums, das sich nur steigert, weil es zusätzlich von 1,2 Milliarden Afrikanern, 430 Millionen Südamerikanern, 70 Millionen Zentralasiaten, 640 Südostasiaten, 1,2 Milliarden Indern getragen wird[2] .

Andererseits, und erst hier kann man jetzt von „exponentiell“ sprechen und nicht mehr nur von einfacher Beschleunigung, wird der Übergang zur digitalen Wirtschaft das Wachstum von der (menschlichen, energetischen, monetären) Materie abkoppeln: künstliche Intelligenz, wachsende Entstofflichung von Konsumgütern, ein von der Emission nur durch die Zentralbanken befreites Geldsystem, …  All das ist schon vorhanden, es sind in diesem Jahr 1 000 Milliarden Dollar in die digitale Transformation der Gesellschaft geflossen[3], aber wir haben (vor allem im Westen) noch nichts von den daraus resultierenden realen Möglichkeiten  gesehen.

. Abschließend wollen wir hinzufügen, dass sich das Wachstum auch vom Planeten Erde befreien wird, dank einer Eroberung des Weltraums, der keine Grenzen kennt und jetzt für jede Art von Kommerzialisierung offen ist (Weltraumwirtschaft)[4].

Dieser exponentielle Charakter, den wir in dieser Entwicklungsphase erkennen, erlaubt es, die Aufmerksamkeit auf die Möglichkeiten zu richten, natürlich, aber auch die Gefahren einer so schnellen Mutation, die das Vorhandensein von globalen Instanzen der Kontrolle des Prozesses notwendig macht.

Digitale Wirtschaft: Wir haben noch nichts gesehen

Auf westlicher Seite sind wir immer noch zu sehr in die Realwirtschaft involviert. Die Beobachtung von China erlaubt es dagegen, sich eine Idee davon zu machen, was eine digitale Wirtschaft sein könnte. Im August 2017 entfielen 40% des weltweiten Online-Verkehrs auf China, das 11 mal mehr Online-Transaktionen durchführte als die Vereinigten Staaten[5]. In diesem Fall hat China den immensen Vorteil gegenüber dem Westen, dass es seine Marktwirtschaft direkt auf der Basis des Internets aufbaut. Das wird auch der Vorteil der Schwellenmächte wie Afrika[6] und Indien[7] sein. Aber eine digitale Wirtschaft ist nicht nur eine im Web duplizierte Realwirtschaft. Sie ist ein vollständig anderes Ökosystem oder  „Ökoparadigma“, das spezifische Gesetzmäßigkeiten entwickelt (umso spezifischer, je direkter eine Wirtschaft auf dieser Basis aufgebaut und damit frei von irgendwelchen Bezügen zu früher ist)[8].

Ein besonders sprechendes Beispiel für die wachsende Auseinanderentwicklung zwischen Wirtschaft und digitaler Wirtschaft: die derzeit in der materiellen Wirtschaft anzutreffende Inflation gibt es in der digitalen Wirtschaft nicht! Die Online-Preise sind absolut und relativ zu den traditionellen Inflationsmaßen rückläufig. Die Online-Inflation liegt tatsächlich 200 Punkte unter dem offiziellen Verbraucherpreisindex (CPI). Übrigens spricht das Bände über unser Mantra bezüglich der Notwendigkeit, neue Statistik-Instrumente[9] für die Messung der Wirtschaftsaktivität zu entwickeln[10].

Mit anderen Worten, die BIP-Kurven, die wir am Anfang dieses Artikels untersucht haben, sind nicht dazu geeignet, das Wachstum an Aktivität und virtuellem Reichtum dieser digitalen Wirtschaft zu erklären. Wenn sie es wären, dann würden wir das sicher am Anfang dieser exponentiellen Entwicklung sehen[11]. Es ist jedoch nicht sicher, dass die Zahlen der „realen“ und virtuellen Ökosysteme vermischt werden können, man sollte sich lieber an das alte Sprichwort „Äpfel nicht mit Birnen vergleichen“ halten. Es wird eher zwei verschiedene statistische Systeme geben[12].

Kryptowährungen und die Veränderung des Verhältnisses zum Geld

Wie Sie wissen, fordern wir Sie beim Bitcoin zur Vorsicht auf, jedoch sind wir natürlich seit langem davon überzeugt, dass virtuelles / Krypto- / E-Geld Teil der Zukunft ist. Der jüngste Beweis dafür war am 13. Juni 2018 der Start einer echten Krytogeld-Börse in der sehr seriösen Schweiz[13]. Daher glauben wir, dass dies nur die ersten Anfänge sind, und wir ersparen es Ihnen lieber, Versuchskaninchen bei den ersten Entwicklungsexperimente zu sein … Ohne zu berücksichtigen, dass wir schon immer der Ansicht sind, dass diese Währungen die spekulative Logik hinter sich lassen müssen, um echte Zukunftsmodelle zu sein (obwohl der spekulative Charakter des Bitcoin dazu gedient hat, die Aufmerksamkeit auf diese monetäre Zukunft zu lenken). Deshalb verweisen wir Sie lieber auf Anlagepotential (ICOs) als auf Spekulation (bitcoin).

Unter der Überschrift Entstofflichung der Wirtschaft ist der das Geld bisher charakterisierende Grundsatz der begrenzten Menge ernsthaft in Frage gestellt worden:

. einerseits durch die massiven neuen Gelderfahrungen, die die Bürger der Welt in diesen letzten zehn Jahren gemacht haben,

. und andererseits durch das Auftauchen von virtuellem Geld.

Geld entstofflicht sich, und wird dadurch wieder zu dem, was es ursprünglich war: ein Vehikel und kein Gut an sich. Es erscheint jetzt auch als ein Werkzeug, das jedermann erzeugen (schöpfen) kann. Kollektivpsychologisch ist die Wirkung immens und beendet auf eine bestimmte Art den kapitalistischen Grundsatz von „was ich habe, können die anderen nicht haben“: es gibt tatsächlich keinen Grund dafür, virtuelles Geld zu akkumulieren, sondern man muss es verwenden / austauschen. Was die E-Milliardäre von morgen in ihren virtuellen Tresoren aufbewahren werden – und das wird eines der Charakteristiken des Wirtschaftsmodells von morgen sein – wird auf Aktivität anstatt auf Reichtum begründet sein.

Aus den gleichen Gründen werden sich die Logiken von Nationalstaaten, Zentralbanken[14], usw. Schritt für Schritt allmählich zu einem Finanzsystem neuen Charakters verschmelzen, das durch Vielfalt der Akteure, Vermeidung von Vermittlung, Fluidität und die Logik von Hubs gekennzeichnet ist[15].

Das Geld der Zukunft muss leicht schöpfbar sein, auf der unmittelbaren und direkten Basis von Aktivität, anstatt das Ergebnis willkürlicher Entscheidungen von Zentralbankern zu sein, die ultrakomplexe Mechanismen erfinden, um Geld zu schöpfen, das nicht weiß, wohin es fließen soll und deshalb unweigerlich in die Taschen der großen Akteure fließt. Die Werkzeuge für Unmittelbarkeit existieren heute schon: das beginnt mit dem Crowdfunding, dass sich derzeit durch die Kombination mit neuen virtuellen Währungen in ein seriöses Anlagewerkzeug (ICOs) weiterentwickelt. Daher haben wir keinen Zweifel an diesem Trend der Umwandlung von Geld und Finanzen im Zeitrahmen bis 2040, selbst wenn wir uns über die (wünschenswerten) Regulierungen, die diese Entwicklungen kanalisieren werden, völlig bewusst sind.

In dieser Phase haben wir bereits eine beträchtlich gewachsene Anzahl von relevanten individuellen Akteuren, die dasselbe Produkt (Kurs, Musik, Film, Foto, usw.) Milliarden von Malen handeln können. Sie haben jetzt Anlageinstrumente, die den unbegrenzten Charakter der Geldmenge widerspiegeln. Es geht exponentiell … 

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Zusammenfassung

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