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Der monatliche Informationsbrief des Laboratoire européen d'Anticipation Politique (LEAP) - 15 Jun 2020

Transatlantische Beziehung 21: Der Schwerpunkt verschiebt sich nach Europa

Seit 2006 bezieht sich die vom GEAB beschriebene globale systemische Krise auf das 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete „System“[1]. Doch im Mittelpunkt dieser Weltordnung steht die transatlantische Beziehung, d.h. die Verbindung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa, die auf einem doppelten Prädikat beruht: Europa braucht den amerikanischen Vormund, damit es einerseits nicht erleben muss, wie sich seine Völker gegenseitig umbringen, und damit es andererseits wirtschaftlich floriert. Der erste Teil des Ausdrucks führte zur Gründung der NATO im Jahr 1949[2], während der zweite Teil mit dem vielzitierten im Jahr 1947 ins Leben gerufenen Marshallplan zusammenhängt, aus dem die OECD hervorging[3].

Obwohl diese Institutionen auf dem Alten Kontinent eingerichtet wurden, verschaffte die Selbstzerstörung Europas in den Jahren 39-45 dem territorial unversehrten Amerika[4] in dieser Beziehung einen großen strategischen Vorteil. So war die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangene westlich-zentrierte Welt mehr als 70 Jahre lang überwiegend amerikanisch-zentriert. Doch während die sichtbare politische Macht der transatlantischen Achse die ganze Zeit in Washington lag, untermauerte sie der wirtschaftliche und moralische Erfolg Europas sehr stark.

Aber in den neunziger Jahren übersahen die Vereinigten Staaten, berauscht vom Zusammenbruch des Sowjetimperiums, den sie als persönlichen Sieg interpretierten, ein wenig schnell die Rolle der Europäer (westeuropäische Diplomatie[5], die Vereinbarungen von Helsinki[6], die polnische Solidarnosc[7] und andere Revolutionen und Bewegungen in Satellitenländern[8], die tschechische Samtene Revolution[9], das Scheitern des Wirtschaftsmodells[10], natürlich die Russen selbst[11]) und neigten dazu, zu glauben, sie seien die Herren der Welt.

Bush Senior läutete dann die Ära nach dem Kalten Krieg mit dem Konzept einer „neuen Weltordnung“ ein. Der Begriff wurde von Präsident Woodrow Wilson entlehnt, der damit die Idee des Völkerbundes[12] (einer von den Nationen gemeinsam getragenen Weltordnung) in die Welt setzte. Weit entfernt von Wilsons Genie, benutzte G.H.W. Bush ihn, um zu behaupten, dass „es keine Alternative zur amerikanischen Führung gab“, eine Führung, die sich sofort in einen ersten Krieg, den Golfkrieg von 1991, übersetzte[13].

Abbildung 1 – Schulden der amerikanischen Bundesregierung: Öffentliche Gesamtverschuldung in Prozent des Bruttoinlandsprodukts 01/1966 – 10/2019

 

In den letzten 30 Jahren hat Amerika als Folge der weltweiten Führung durch Krieg seine frühere moralische Glaubwürdigkeit verloren und sich finanziell ruiniert (1989 betrug das Verhältnis Schulden/BIP der USA 50 %, heute liegt es bei 136 %[14]), aber es hat sich dank seines Währungsimperiums … und auch dank seines europäischen Pfeilers, der moralischen Rückendeckung und der wirtschaftlichen Sicherheit, die der amerikanischen Macht weiterhin zugrunde liegen, gehalten.

In diesem Prozess ist das transatlantische Bündnis unweigerlich zu einem Joch geworden, das Europa in den letzten zwanzig Jahren ständig angegriffen hat: Einführung des Euro[15], Weigerung den Vereinigten Staaten im Zweiten Golfkrieg zu folgen[16], Souveränitätsanspruch[17], Marginalisierung Großbritanniens[18], Start des INSTEX[19], usw…

Doch je mehr die Europäer wüteten, desto enger wurde der Halfter[20]. Dann kam Donald Trump, der nach der Logik agierte, sein Gesetz noch offensichtlicher als die anderen durchzusetzen, und damit die Entkoppelung zwischen der EU und den USA vorantrieb (Infragestellung der NATO[21] und der Handelsbeziehungen[22]).

Wie wir antizipiert hatten, sind die beiden Kollateralopfer dieser Politik die EU, wie sie sich seit dem Vertrag von Maastricht 1992 entfaltet hat[23], und Amerika, der Anführer einer großen Weltunordnung, die 1991 von Bush Senior ins Leben gerufen worden war.

Wir werden weder der einen noch dem anderen nachweinen. Denn hinsichtlich EU und Amerika werden wir besser sehen beginnen, was Europa und die Vereinigten Staaten wirklich geworden sind, besser noch: was Europäer und Amerikaner geworden sind. Und auf dieser Grundlage werden beide Seiten des Nordatlantiks endlich in der Lage sein, sich neu zu erfinden … und ihr Bündnis neu aufzubauen.

Tatsächlich ist die transatlantische Verbindung, auch wenn die letzten dreißig Jahre amerikanischer Irrungen zu der gegenwärtigen Entkoppelung geführt haben, nicht bereit, zu verschwinden: Die Vereinigten Staaten und Europa haben sehr wohl eine gemeinsame Geschichte, Kultur und Werte (letztere sind neu zu überdenken) und viele Instrumente verbinden die beiden Seiten eng miteinander – Institutionen, Handel, Medien, Zivilgesellschaft, Unternehmen, diverse Netzwerke …

Wir antizipieren daher nicht das Verschwinden der transatlantischen Beziehungen, sondern ihre Neubegründung auf der Grundlage der neuen transatlantischen gesellschaftspolitischen und globalen geopolitischen Realitäten und auf Initiative Europas. Tatsächlich geben die neuen Realitäten Europa aus folgenden Gründen wieder die Oberhand:

  • Europa ist den Vereinigten Staaten voraus, wenn es darum geht, sich neu zu erfinden: Die vielen Krisen, die es in den letzten 12 Jahren erlebt hat, haben den alten Kontinent bereits weitgehend verändert.
  • Wie wir letzten Monat gesehen haben, sind die amerikanischen strategischen Ressourcen (Big Tech) bereits neu verteilt auf der transatlantischen Achse, die sie im Rahmen einer echten Partnerschaft auf Augenhöhe mit den Europäern stärken werden.
  • Das Scheinwerferlicht von „Covid19“ offenbart die Schwäche Amerikas[24].

Die Gesetze der systemischen Analyse machen deutlich, dass diese Wende mit einer tiefgreifenden Veränderung der vier Komponenten der transatlantischen Beziehung einhergehen wird: die Vereinigten Staaten, Europa, die Beziehung selbst und die Welt.

Auf den Punkt gebracht:

  • ein ausgewogenes bilaterales Verhältnis zwischen Europa und den Vereinigten Staaten (langfristig Europa/Nordamerika oder Euro-Russland/Nordamerika)
  • die Integration aller, auch der tieferen Governance-Ebenen (national, regional, der großen Städte, der Bürger)
  • auf der Grundlage der Differenzierung ihrer Akteure („Gemeinschaft“ statt „Union“[25])
  • mit der Taufe des geopolitischen Akteurs „Europa“
  • Partner bei der Erfindung der neuen multipolaren Weltordnung
  • basierend auf new tech Werkzeugen für eine gemeinsame globale Administration.

Natürlich ist eine Umpolung keine leichte Aufgabe, und ein Pilotierungsfehler würde zu einer echten Katastrophe führen. Wir werden später sehen, dass die Bewährungsprobe für die Inthronisierung Europas als neuer Schwerpunkt der transatlantischen Beziehungen am 1. Juli auf dem Gebiet „Frieden im Nahen und Mittleren Osten“ beginnt. Hoffen wir, dass es zeigt, dass es aus seinen Jahrzehnten der mehr oder weniger passiven Beobachtung des Weltgeschehens und aus seinen eigenen Fehlern der Vergangenheit gelernt hat …

Die Wiedererlangung der Kontrolle über das transatlantische Ruder durch Europa wird es den Vereinigten Staaten ermöglichen, sich endlich wieder um ihre eigenen Passagiere zu kümmern, die sie dringend benötigen. In jedem Fall muss die Übergabe in diesem Sinne erfolgen, um für beide Seiten vorteilhaft zu sein.

[1]      Der bahnbrechende Artikel, der den GEAB vom 15. Februar 2006 weltweit bekannt machte, trug den Titel: „Alarm – Anfang einer historischen weltweiten Krise: Das Ende des Westens der Nachkriegszeit“. Quelle: GEAB, 18.02.2006 (für die Deutsche Fassung)

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________________________________

[2]      Quelle: Wikipedia

[3]      Quelle: OECD

[4]      Quelle: Wikipedia

[5]      Quelle: Hypothèses, 13/02/2020

[6]      Quelle: Finland’s Relations with the Soviet Union, 1944-84, Roy Allison, St Antony’s/MacMillan Series, 1985

[7]      Quelle: Europe and the End of the Cold War: A Reappraisal, Frederic Bozo, Marie-Pierre Rey, N. Piers Ludlow, Leopoldo Nuti, Routeledge 2008

[8]      Quelle: Eastern European Revolutions of 1989, Study.com

[9]      Quelle: Wikipedia

[10]     Quelle: Why the USSR Collapsed Economically, Investopedia

[11]     Quelle: Wikipedia

[12]     Quelle: Wikipedia

[13]     Quelle: George H.W. Bush Announces Post-Cold War Strategies during Persian Gulf War, University of Richmond

[14]     Quelle: The Balance, 01/06/2020

[15]     Quelle: IMF, 06/2006

[16]     Quelle: CNN, 22.01.2003

[17]     Quelle: Europe’s Future: Decoupling and Reforming, Sergio Fabbrini, Cambridge University Press, 2019

[18]     Unsere Leser wissen, dass wir der Ansicht sind, dass der Brexit mindestens genauso das Werk der Briten wie der Europäer ist. Quelle: The Guardian, 19/10/2015

[19]     Quelle: The Guardian, 05/12/2018

[20]     Die Ukraine-Krise von 2014 stellt unserer Ansicht nach den Höhepunkt des von den Vereinigten Staaten ausgeübten Drucks dar, um die Europäer daran zu hindern, ihrem eigenen Schicksal zu folgen. Quelle: NATO, Russia and the Ukrainian Crisis, Noëlie Frix, Indiana University, 10/2016

[21]     Quelle: Trump questions the core of NATO, including Montenegro, NYT, 18/07/2018

[22]     Quelle: Transatlantic Relations in the Age of Donald Trump, Kiliç Bugra Kanat, Seta Vakfi, Eté 2018

[23]     Einer der Gründe für die sehr großen Schwierigkeiten der EU in den letzten 30 Jahren kann als die Unzulänglichkeit des Maastricht-Vertrags angesehen werden, der vor dem Fall der Sowjetunion entworfen, aber in einer Welt nach dem Kalten Krieg unterzeichnet und in Kraft gesetzt wurde.

[24]     Wir werden diese verschiedenen Punkte im weiteren Verlauf dieser Ausgabe erörtern, um zu dem Schluss zu kommen, dass sich der Schwerpunkt der transatlantischen Achse nach Europa verlagert.

[25]     Könnte der alte Traum der Föderalisten von den „Vereinigten Staaten von Europa“ in ein Projekt für eine „Gemeinschaft amerikanischer Staaten“ umgewandelt werden? Ironischerweise …

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Zusammenfassung

Letzten Monat antizipierten wir die Gefahr einer Entgleisung der jahrhundertealten Mechanik der amerikanischen Wahlen. Wir stellten die optimistische Hypothese auf, dass ein außergewöhnlicher Kontext zu einer außerordentlichen Wahl führen könnte, [...]

Während das Virus den Kern des westlichen Triebwerks "wie wir es seit 1945 gekannt haben", nämlich Amerika, angreift, treibt es Europa, das sich durch 12 Jahren des Nachdenkens regeneriert hat, [...]

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Covid-19 / Amerika21: Fatale Kettenreaktion

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Letzten Monat antizipierten wir die Gefahr einer Entgleisung der jahrhundertealten Mechanik der amerikanischen Wahlen. Wir stellten die optimistische Hypothese auf, dass ein außergewöhnlicher Kontext zu einer außerordentlichen Wahl führen könnte, [...]