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Der monatliche Informationsbrief des Laboratoire européen d'Anticipation Politique (LEAP) - 15 Sep 2022

Was bleibt von Europa, wenn sein Markt von Konsumenten verschwunden ist?

Offener Brief an die europäischen „Atlantisten“

Die NATO und die atlantistischen Kreise brüsten sich unverfroren mit der großartigen Einheit, die das alliierte Lager „dank“ des Leidens der Ukraine an den Tag gelegt hat[1]: „Wer hätte antizipieren können, dass ein Krieg die Allianz von ihrem „Hirntod“, den der französische Präsident vor einem Jahr festgestellt hatte, wieder auferstehen lassen würde“, jubeln die Atlantisten derzeit[2]. Aber der „Hirntod“, den Emmanuel Macron[3], der weiß, wovon er spricht, wenn man seine Position berücksichtigt, attestierte, bezog sich nicht auf den Verlust der Einheit oder Stärke der NATO, sondern auf den Verlust an „Gehirn“, an Verständnis und damit an Fähigkeit, ihre Mitglieder in eine wünschenswerte Zukunft zu führen.

Daher beabsichtigt unser Team, den kranken Hoffnungen der letzten Verrückten der transatlantischen Achse zu widersprechen, die den Sinn für Moral und Urteilsvermögen verlieren und sich nun offen darüber freuen, dass sie das europäische Projekt des Friedens in ein Kriegsprojekt, das europäische Projekt des Wohlstands in ein Elendsprojekt, das europäische Projekt der strategischen Unabhängigkeit in ein Unterprojekt der NATO und das europäische Projekt der Demokratie in ein imperialistisches Projekt verwandelt haben (Franck Biancheri machte diese düstere Voraussage bereits 1992 in seinem Buch „Gemeinschaft oder Imperium?[4]).

Aber die Frage, die unser Team diesen Atlantisten stellt und die den ersten Nagel in den Sarg ihrer auf der Leugnung der neuen geopolitischen Realitäten beruhenden „Strategie“ schlägt (kann eine Strategie, die den Namen Strategie verdient, die Realität leugnen???), ist die folgende:

„Was wird Ihrer Ansicht nach von Europa übrig bleiben, wenn sein letztes Verkaufsargument auf internationaler Ebene, nämlich sein Markt von Konsumenten, auf dem Altar der Kriegsideologie geopfert ist?„. Und was passiert mit dem „Westen“, wenn Europa vom Radar verschwindet?

Und da wir nun die Aufmerksamkeit unserer Leser erregt haben, fahren wir mit unserer Argumentation fort …

Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Tod der Queen und dem „Hirntod“ der NATO?

Genau einundzwanzig Jahre nach dem ersten Schlag der multipolaren Welt gegen die sehr kurze Periode der unangefochtenen Weltherrschaft der USA (1991-2001) stirbt die Königin von England, das herausragende Symbol eines auf dem Dreiklang „Dominierung des europäischen Kontinents – transatlantische Achse – Commonwealth“ beruhenden globalen Europas „à l’ancienne“ nach 70 Jahren unangefochtener Regentschaft. In der Geschichte, sei es in der der Vergangenheit oder in der der Zukunft, zählen die symbolischen Ereignisse.

Denn was wäre, wenn dieses vielzitierte „Gehirn“ der Allianz tatsächlich eher auf der europäischen als auf der amerikanischen Seite angesiedelt wäre?

Wenn man an „NATO“ oder „transatlantische Achse“ denkt, denkt man natürlich vor allem an Washington und die vielbesprochene Dominanz der USA über Europa. Doch zwischen Obamas „asiatischem Pivot“[5] und Trumps donnernder Infragestellung des Nutzens der NATO[6] haben die USA schon seit einiger Zeit klare und parteiübergreifende Signale gesendet, dass sie sich aus einem Europa zurückziehen wollen, das sie viel Geld kostet und ihnen vielleicht nur … Ärger einbringt.

Es stellt sich also die Frage, aus wem sich diese Netzwerke der Atlantisten zusammensetzen. Unbestreitbar finden sich dort viele Europäer[7]. Ganz abgesehen davon, dass die meisten transatlantischen Organisationen tatsächlich in Europa angesiedelt sind: die NATO in Brüssel, die OECD in Paris … und dass Europa enorm davon profitiert hat, seine Verteidigung – und vor allem die Kosten für seine Verteidigung (ein Meisterstück) – an die amerikanischen Fußsoldaten zu delegieren[8].

Was wäre, wenn die Umkehrung der Pole der transatlantischen Achse, die wir im Juni 2020[9] identifiziert haben, in Wirklichkeit überhaupt kein neuer Trend, sondern nur eine von unserem Team erst kürzlich wahrgenommene Realität wäre, die aber schon seit sehr langer Zeit gut hinter dem bequemen Narrativ der amerikanischen Dominanz über die Welt und damit auch über Europa getarnt ist?

Was, wenn Amerika nur der verlängerte Arm der imperialistischen Version Europas ist, die seit dem Zeitalter der großen Entdeckungen ein echtes planetares Meeresungeheuer darstellt?

Und vor allem: Was, wenn der wahre Kopf dieser transatlantischen Einflussnetzwerke in Wirklichkeit in London[10], der ehemaligen Hauptstadt der amerikanischen Kolonie, sitzt?

Und schließlich: Wenn Amerika tatsächlich kurz davor stünde, seinen Unabhängigkeitsprozess 250 Jahre später abzuschließen? Wenn Biden der letzte europäische Präsident Amerikas wäre?

Geschichte ist eine Frage des Narrativs und dieselben Fakten können entlang unterschiedlicher Erklärungslinien verknüpft werden. In der von unserem Team seit 16 Jahren geleisteten Arbeit zum Verständnis der weltweiten Entwicklungen  ist das Testen neuer Narrative ein starkes Mittel, um unsere Gewissheiten in Frage zu stellen. De facto kann dieser Blickwinkel starke Antizipationen erzeugen, insbesondere was die Zukunft des Bündnisses betrifft.

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Zusammenfassung

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