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GEAB 144

Der monatliche Informationsbrief des Laboratoire européen d'Anticipation Politique (LEAP) - 15 Apr 2020

Gesellschaft – Covid-19: „Ich-hab’s-dir-schon-immer-gesagt”-Krise und soziale Fragmentierung

„Im Jahr 2020 brachte eine globale Pandemie namens Covid-19 die Weltwirtschaft für mehrere Monate praktisch zum Erliegen. Um die Epidemie einzudämmen, mussten die Regierungen radikale Maßnahmen zur Bevölkerungsquarantäne ergreifen und die Aktivitäten auf das Allernotwendigste reduzieren: Gesundheit, Landwirtschaft, Nahrungsmittel und bestimmte grundlegende Dienstleistungen (Telekommunikation, Wasser, Elektrizität, Finanzsysteme, …). In diesen wenigen Wochen der Quarantäne haben die Menschen die Prozesse der digitalen Gesellschaft umgesetzt, die die Welt im Jahr 2040 noch regieren. Heute gilt diese Pandemie auch als auslösendes Ereignis der großen Religionskriege des ersten Viertels dieses Jahrhunderts“. (Geschichtsbuch aus dem Jahr 2040).

Eine „Welt von Morgen“ mit Anlaufschwierigkeiten

Im Jahr 2009 schrieb Franck Biancheri, damals Forschungsdirektor von LEAP[1], ein Buch mit dem Titel „Nach der Krise: Auf dem Weg in die Welt von Morgen – Europa und die Welt im Jahrzehnt 2010-2020[2] und bewies damit seine Klarheit über die Dauer des Transformationsprozesses hin zu einem neuen System. In diesem visionären Buch – einschließlich des für das Ende des Prozesses genannten Datums – schlägt er zwei „Wege“ vor: einen „schmerzhaften“, der mühselig in eine organisierte „Welt von Morgen“ führt, und einen „tragischen“, der alle Bedingungen für ein missgebildetes Neugeborenes schafft. Es ist interessant, diese Szenarien heute noch einmal nachzulesen, und wir erkennen, dass die Realität, auch wen sie wie immer einen mittleren Weg eingeschlagen hat, doch näher am pessimistischsten Szenario liegt: ein klares Scheitern bei der Neuerfindung der Global Governance unter angemessener Integration der Neuankömmlinge (zu der unser Euro-BRICS-Projekt[3] ein visionärer Beitrag war), was zum Aufstieg oder zum Machterhalt harter Führungspersönlichkeiten geführt hat.

In den letzten 12 Jahren hat sich die Welt zunehmend polarisiert und die supranationale Strukturen konnten sich nicht durchsetzen, weil sie nicht mit den Menschen verbunden sind. Deshalb konnten keine Lösungen umgesetzt werden und es wuchs die Unzufriedenheit der Bevölkerung gegen eine de facto ohnmächtige nationale Politik, was Führungspersönlichkeiten mit immer gewalttätigeren Worten zur Übertünchung dieser Ohnmacht auf die Bühne treten ließ und eine weltweit xenophobe Gesellschaft etablierte (anti-muslimisch, anti-semitisch, anti-chinesisch, anti-europäisch, Anti-Trump, …, gegen Regierungen, Männer, Weiße, Fleischesser, Einwanderer, …).

In diesem angespannten Kontext schlug Covid-19 zu. Und paradoxerweise hat diese Pandemie immense Hoffnungen geweckt!

Wut, Hoffnungen und Enttäuschungen

Dieses Gefühl der Hoffnung ist ein zuverlässiger Indikator dafür, inwieweit die Menschen, vor allem im Westen, die Nase vom alten System voll haben. Das alte System lässt sich so zusammenfassen: Eine überhitzte Weltwirtschaft, die gezwungen ist, sich immer schneller zu drehen, um die Statistiken zu befriedigen (Diktatur der Zahlen). Menschliche Gesellschaften, die betrunken sind von Arbeit und Konsum, beide gleich obligatorisch. Eine Natur, die entleert ist von ihren Ressourcen und gefüllt ist mit Müll. Produktionsketten auf der ständigen Suche nach niedrigeren Kosten (Rohstoffe und Arbeit), was an einem Ort zu Kinderarbeit, an einem anderen zu Arbeitslosigkeit, und an wieder anderen zur Zermalmung von Bauern und Rohstoffproduzenten führt … . „Geiz-Wirtschaft“, die die Konsumkraft der Armen zum Preis von immer mehr Armut aufrecht erhält. Berufliches Burn-Out und Konsumhysterie … mit einem brennenden Planeten im Hintergrund. Die Menschheit beginnt, sich dafür zu hassen, dass sie an einem solchen Modell teilnimmt[4].

Abbildung 1 – Tschernobyl brennt. Quelle: Reuters

In diesem Kontext des absoluten Bedeutungsverlustes drückte Covid-19 den Stopp-Knopf, den alle ängstlich gesucht hatten. Kein Wunder, dass sie einem großen Teil der Bevölkerung als Retter erschien.

Aber die Menschheit ist vielfältig … Und diese Covid-19-Krise gibt allen Recht: „Es ist die Umweltverschmutzung!“, „Es ist die Unmoral!“, „Es ist der Liberalismus!“, „Es ist die CIA!“, „Es ist China!“, „Es ist 5G! “ … jeder sieht seine Theorien durch die Krise bestätigt, seine Stunde des Ruhmes gekommen, seine Lösungen in Reichweite. Die Medien und die sozialen Netzwerke sind voll von „fake news“ und siegessicheren Verschwörungstheorien zur Beförderung von kultartigen Gruppen, welche am Ende der Quarantäneperiode sehr schnell desillusioniert sein werden. Und selbst wenn (wir wiederholen es) „die Welt nach Covid eine ganz andere sein wird als die Welt davor“, so wird sie doch nicht so anders sein, wie es sich zahlreiche Armeen von Ideologen erhoffen.

Es gibt viele Träume vom Weltuntergang und vom „Grand Soir“[5] in dieser Welle, die über die sozialen Netzwerke hereinbricht: endgültiger Stopp der konsumorientierten Wirtschaft, deutliche Verringerung der Weltbevölkerung, Erscheinen des himmlischen Jerusalem, Rückkehr von Christus auf die Erde, Ende Amerikas, Verschwinden Chinas, Rückkehr zum Naturzustand, Sieg des Sozialismus, …

Um es klar zu sagen: Nichts von all dem wird passieren!

Die verrückte Hoffnung, die eine Katastrophe erzeugt, läuft daher Gefahr, sich in wütende Enttäuschung bei den extremsten Bevölkerungsgruppen zu verwandeln. Und dies gilt unabhängig von den Maßnahmen, die die Staats- und Regierungschefs ergriffen haben:

Kommentare

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Zusammenfassung

Politische Antizipation ist die von LEAP entwickelte Methode der "Rationalisierung der Zukunft". Tatsächlich ist sie eng mit der "historischen Methode" verwandt, sie versteht sich als für alle zugänglich und im [...]

Seit 2008 spricht der GEAB von der "Welt von Morgen". Jetzt benutzen alle diesen Ausdruck. Es ist daher an der Zeit, die "globale systemische Krise 2008-2020" zu archivieren. Der "Historiker [...]

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