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Der monatliche Informationsbrief des Laboratoire européen d'Anticipation Politique (LEAP) - 15 Feb 2017
Pressemitteilung

In der derzeitigen globalen systemischen Krise benutzt unser Team schon seit einigen Jahren den Begriff „statistischen Nebel“: die aktuellen Werkzeugen zur Quantifizierung der Realwirtschaft sind nicht ausreichend und sie werden manipuliert, damit ihre Ergebnisse den Reden der Politiker entsprechen (oder umgekehrt). Wenn man einmal von diesen Manipulationstendenzen absieht, kann man feststellen, dass dieser „statistische Nebel“ auch daher kommt, dass sich das Wirtschaftsgeschehen tiefgehend verändert und die Indikatoren von gestern (BIP, Arbeitslosigkeit, usw.) in der Welt von heute nicht mehr relevant sind. Nach einigen vergeblichen Versuchen seit mehr als einem Jahrzehnt zur Modernisierung dieser Indikatoren sehen wir jetzt die Entstehung neuer Initiativen, die wir für nachhaltig halten. Auch wenn diese auf kurze Sicht für Konfusion sorgen, antizipieren wir bis 2015 eine Harmonisierung unter der Initiative von internationalen Gremien wie den G20.

Grenzen der zwei Leitindikatoren

Die Debatten und Vorschläge der Wahlkämpfe zeigen es im Überdruss: es zählt nur das Wachstum des BIP bzw. die Arbeitslosenquote. Das ist kaum verwunderlich in einem System, in dem die Arbeit, wie auch die Anhäufung von „Reichtümern“, einen zentralen Platz einnimmt.  Diese zwei Indikatoren haben die Politik jahrzehntelang mit Ergebnissen ausgerichtet, mit denen man leben kann. Wenn jedoch jeder weitere Wachstumspunkt immer schwieriger zu erzielen ist und wenn die Arbeitslosenquote konstant hoch bleibt, dann hat das einen Grund: die Gesellschaft verändert sich radikal und diese zwei Indikatoren, die diese Entwicklungen nicht widerspiegeln, beginnen obsolet zu werden. Wir werden sehen, dass ihre Begrenztheit mehrere Ursachen hat: eine Ursache ist die Statistik, eine andere die  Politik bzw. die Ideologie, jedoch liegt eine fundamentale darin, dass diese Indikatoren genau wegen ihrer Konstruktion nicht die harmonische Entwicklung einer Gesellschaft quantifizieren[1]

Beide Indikatoren sind so symbolträchtig, dass sie natürlich intensivem politischen Druck ausgesetzt sind und ständig für internationale Vergleiche verwendet werden. Und daraus entstehen die ersten Probleme. Wie kann man Volkswirtschaften vergleichen, die unterschiedliche Währungen haben, deren Wechselkurse ständig stark fluktuieren[2]? Wir haben schon oft auf die negativen Folgen der Verwendung  des Dollars als einzigem Standard hingewiesen und dies ist jetzt eine weitere Illustration. Zum Beispiel sind die Vereinigten Staaten mit Abstand das führende Land mit ihrem nominalen, in Dollar ausgedrückten BIP während sie in der Kaufkraftparität (KKP) hinter China rangieren.

Abbildung 1 – Länder nach BIP in Kaufkraftparität, 2014. Quelle: The Conversation.

 

Ein weiteres Beispiel: Welchen Sinn macht der Vergleich des BIP-Wachstums in der Vereinigten Staaten, deren Bevölkerung um 0,7% pro Jahr wächst[3], mit dem der Eurozone, wo die Bevölkerung nur um 0,3% pro Jahr wächst[4]? Oder aber, warum will man das Pro-Kopf-Einkommen zwischen einem Land, in dem wichtige Dienstleistungen wie Bildung oder Gesundheit privat bezahlt werden müssen, und einem anderen, in dem sie kostenlos sind, vergleichen?

Bei der Arbeitslosenquote sind die Vergleiche noch heikler, weil die Berechnungsmethoden in jedem Land verschieden sind. Wir zitieren regelmäßig die Website ShadowStats für ihre alternative Berechnung der amerikanischen Arbeitslosenquote. Sie ist zweifellos näher an der „Realität“ (zumindest an der von der Mehrheit der Amerikaner gefühlten) und sie gibt ein sehr anderes Bild vom amerikanischen Arbeitsmarkt:

Abbildung 2 – Arbeitslosenquote in den USA. Rot: amtlich / grau: U6 / blau: ShadowStats. Quelle: ShadowStats.

Bei der Arbeitslosenquote quantifizieren diese Statistiken nicht, was sie angeblich quantifizieren, bzw. was der Bürger unter „Arbeitslosigkeit“ versteht und sind daher irreführend. Das gleiche gilt für das BIP, das nur ein dürftiges Abbild des „Reichtums“ einer Nation ist. Und das hat sehr schädliche Auswirkungen, da sie als Leitfaden für die Wirtschaftspolitik dienen, wie zum Beispiel die niedrigen Löhne auf Kosten der europäischen Partner in Deutschland oder das irische Steuerdumping zur Anlockung multinationale Unternehmen.

Die Welt von Gestern und die Welt von Morgen

Aber diese Mängel wären nicht so wichtig, wenn das Problem nicht im Aussagewert dieser Indikatoren läge. Man kann sich fragen, ob das BIP die technologische Evolution überlebt[5] (wie kann man eine Volkswirtschaft quantifizieren, in der man für 10 Euro eine CD, aber auch einen Monat unbegrenztes Musik-Streaming kaufen kann?), jedoch liegt das Übel tiefer, auch wenn es tatsächlich teilweise mit dem Aufkommen des Internets zusammenhängt:

. Die Explosion von Online-Diensten führt zu einer strukturellen Deflation, da es jetzt möglich ist, etwas kostenlos oder zu einem lächerlichen Preis zu machen, wozu man früher einen Profi brauchte.

. Die Explosion des Marktes von Gebrauchtwaren und Dienstleistungen zwischen Privatleuten, welcher nicht quantifizierbar ist und in der Berechnung des BIP schwer quantifiziert werden kann, lässt einen Teil der wirtschaftlichen Tätigkeit aus den offiziellen Statistiken herausfallen.

. Das langsame Anwachsen des ökologischen Bewusstseins führt dazu, dass man es nicht mehr hinnimmt, dass die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko einen positiven Einfluss auf das BIP hat[6] oder dass eine Verlangsamung des Wachstums als Gefahr an die Wand gemalt wird, damit man die Umweltprobleme nicht lösen muss, oder ganz einfach dass die Zerstörung von nicht erneuerbaren Ressourcen gefördert wird, um das BIP zu maximieren.

. Die neuen Tätigkeitsformen wie die kollaborative Wirtschaft oder auch die ehrenamtliche Tätigkeit tauchen zum großen Teil nicht in der Statistik auf.

. Die Ungleichheiten[7], die im BIP ignoriert werden (ja sogar ab einer bestimmten Schwelle verstärkt werden, wenn das einzige kurzfristige Ziel in einer Erhöhung des BIP liegt[8]) belasten den Zusammenhalt der Gesellschaft schwer. Usw…

Zusammengefasst kann man sagen, dass das Problem mit dem BIP darin besteht, dass es nur einen kleinen Teil der Wirtschaftsaktivitäten einer Gesellschaft quantifiziert (was durch den aktuellen Paradigmenwechsel verstärkt wird), dass es die negativen sozialen Effekte (die sozialen Kosten) ignoriert und dass es nur für eine ganz spezifische Verwendung konzipiert wurde, während es heute unterschiedslos für alles verwendet wird[9].

Abbildung 3 – Ausmaß der sukzessiven Korrekturen der Evaluierung des annualisierten Wachstums des BIP der Vereinigten Staaten, 2010-2016. Quelle: Bloomberg.

In einer Welt, in der nur wenige Arbeitsplätze mittelfristig nicht durch Automatisierung, künstliche Intelligenz und Roboter bedroht sind, und in der der Mangel an Arbeit (in seiner aktuellen Form) jeden Tag immer deutlicher wird, in der sich die Beschäftigung als solche ändert, in der immer beharrlicher vom bedingungslosen Grundeinkommen gesprochen wird … beginnt auch die Arbeitslosenquote an den gleichen Krankheiten zu leiden wie das BIP: sie ist ein Indikator der Welt von Gestern, der immer weniger für die neuen Realitäten geeignet ist. Um es noch einmal zusammenzufassen: je „effizienter“ eine moderne Gesellschaft ist, desto weniger braucht sie Arbeiter, und das ist einer der Gründe, warum die Arbeitslosenquote kein geeigneter Indikator mehr ist.

Es ist deshalb dringend angesagt, dass diese Indikatoren grundlegend überprüft (oder einfach ausgedrückt verändert) werden und sich in Leitlinien entwickeln für eine Politik im Dienst des Menschen und der Zukunft.

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Zusammenfassung

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