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Der monatliche Informationsbrief des Laboratoire européen d'Anticipation Politique (LEAP) - 15 Mai 2020
Pressemitteilung

Die kommenden amerikanischen Präsidentschaftswahlen weisen unter einem noch relativ gewöhnlichen äußeren Anschein bereits neue Merkmale auf. Zum Beispiel: 1/ sie sind nicht das zentrale Interesse des Planeten; 2/ wegen der Pandemie fand die Vorwahl der Demokraten nicht wirklich statt, aber das hat die Bestimmung eines Kandidaten für die Präsidentschaftswahl nicht verhindert; 3/ frische Triebe neuer Parteien scheinen durch die Risse des Zwei-Parteien-Estrichs zu dringen. Auch wenn es daher schwierig ist, vorherzusagen, was aus einer in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Wahl hervorgehen wird, so führt die Beobachtung der starken Trends von Transformation der amerikanischen Macht doch zu einem Erahnen der Geburt eines neuen Amerika. Dieses Amerika ist sehr (zu) nah an Europa und seine Ambitionen sind globaler denn je. Das vorgeschlagene Modell verdient eine genauere Betrachtung … um sich besser fragen zu können, ob es ihm gelingen wird, durch die nächste Präsidentschaft verkörpert zu werden, oder ob es weiterhin mit einer Vertretung alten Stils auskommen muss.

Unter ansonsten unveränderten Bedingungen …

In der amerikanischen „Demokratie“ gibt es keine Überraschung: zwei demokratische Amtszeiten, zwei republikanische Amtszeiten, zwei demokratische Amtszeiten, zwei republikanische Amtszeiten … Auf dieser Grundlage – die in demokratischer Hinsicht fragwürdig ist – macht das System die Amerikaner seit 200 Jahren glücklich, indem es sie überzeugt, ruhig zu bleiben, weil es nach spätestens 8 Jahren einen Wechsel geben wird.

Die außergewöhnlichen Umstände, die dieses Land und die Welt in den letzten 12 Jahren gesehen haben, haben unser Team bereits dreimal dazu veranlasst, Reibungen in der jahrzehntealten Routine zu antizipieren.  Aber nichts hat dieses mechanische Uhrwerk durcheinander gebracht … auch wenn die Machtübernahme von D. Trump (vielleicht) ein echter erster bug war[1] –  und die Formen blieben respektiert. Wir sollten daher aus unseren Fehlern gelernt haben und klugerweise die Wiederwahl von D. Trump für die zweite Amtszeit, auf die er Anspruch hat, antizipieren. Aber es ist nicht Aufgabe des GEAB, das Offensichtliche zu antizipieren. Und wir ziehen es vor, Szenarien des Wandels vorzuschlagen, die man auf jeden Fall im Kopf haben muss, um die Zukunft und ihren so vielschichtigen Charakter besser zu verstehen.

Wir werden also nicht die Wiederwahl von D. Trump antizipieren. Aber das bedeutet nicht, dass wir am Ende des Jahres J. Biden als Präsident sehen. Was uns in diesem Stadium interessiert, sind die tiefgreifenden Veränderungen in der zugrundeliegenden Machtstruktur in den Vereinigten Staaten nach deren großer Infragestellung in den letzten 12 Jahren.

Trump, der Totengräber des alten Amerika … unterstützt von Mr Covid

Jedes System hat seine Erbauer, seine Manager und seine Totengräber. Und die Totengräber veralteter Systeme sind nicht notwendigerweise die Totengräber der Zukunft, im Gegensatz zu dem, was Konservative, die sich vor Veränderungen fürchten, die Leute immer glauben lassen.

Trump hat auf eine überspannte Art ein gewisses Amerika verkörpert und hat ihm dadurch ein Ende gesetzt. Zum Beispiel:

.  er enthüllte die Vulgarität einer Businesskultur, die Amerika der Welt seit Jahrzehnten aufgezwungen hatte, und verstärkte dadurch alle Trends zur unternehmerischen sozialen Verantwortung[2]

. er enthüllte den tiefen Macho-ismus und Rassismus des amerikanischen Machtsystems und weckte eine Zivilgesellschaft aus ihrer Erstarrung[3]

. er enthüllte die Schwäche eines Amerikas, das nicht mehr über die Mittel verfügte, um seine Politik umzusetzen: die 1990 von Vater Bush beschlossene Mauer zu Mexiko[4], die 1992 von Clinton gebilligte Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels[5], usw. … und zwang alle, sich zu fragen warum

. er enthüllte den Provinzialismus Amerikas und die sich daraus ergebenden Gefahren, wenn man ihm die Führung internationaler Institutionen überlässt[6]

. er enthüllte das tiefe und inzwischen ungerechtfertigte Ungleichgewicht zwischen den beiden Blöcken in den transatlantischen Beziehungen[7] und ermöglichte so eine europäische Neupositionierung (die in der gleichen Bewegung die Neuerfindung Europas ermöglichte[8])

. er enthüllte das Problem der amerikanischen Präsenz im Nahen und Mittleren Osten und schuf die Voraussetzungen für den „unmöglichen“ Rückzug der US-Truppen

. er enthüllte, dass die NATO nur eine leere Hülle war, ausschließlich getragen von den Vereinigten Staaten, von der sich die europäischen Staaten zurückgezogen hatten, und warf die Frage auf, ob es angebracht ist oder nicht, die Organisation zu überdenken[9]

. er enthüllte die Überholtheit von Atomabkommen, an denen China nicht beteiligt ist[10]

. er enthüllte die Abhängigkeit Amerikas von China (und Saudi-Arabien und Europa und Japan und der Welt) und zwang dazu, über eine globale Neupositionierung des Landes nachzudenken[11]

. er enthüllte (mit Hilfe von Covid) die Grenzen des Modells der Finanzierung des Staates[12], und erzwang einen Wechsel zu einem anderen System. …

Was das Coronavirus betrifft, so ist es der letzte tödliche Schlag gegen das Sozial- und Gesundheitssystem der „wichtigsten Weltmacht“[13]. Genauso wie es das gesamte Schulden-Öl-Dollar-System, das dem „kranken Mann des Planeten“ Sauerstoff zuführte, zum Explodieren bringt[14].

Alles muss aufgebaut werden … Und alles ist bereit, wie wir weiter unten sehen werden.

Aber Trump ist kein „grand homme“, nur weil er all diese transformativen Energien freigesetzt hat. Er hat in der Tat die schlechte Rolle und wird als „Bösewicht“ in die Geschichtsbücher eingehen. Und vor allem wird niemand jemals wissen, ob er das alles aus Dummheit, Leichtsinn oder Genie getan hat … oder ob er nur die Puppe einer genialen Gruppe von Puppenspielern war. Auch wenn das neue Amerika und die neue Welt ihm sehr viel schuldig sein werden, bedeutet das nicht, dass er die Person ist, die ihr Entstehen verkörpern kann. Wenn es ihm gelungen ist, so viel zu zerstören, ohne einen Krieg anzufangen, könnte in der Wirklichkeit seine brutale Methode in einer zweiten Amtszeit, die dem Wiederaufbau gewidmet sein muss, wirklich gefährlich werden[15]. Deshalb glauben wir aus systemischer Sicht, dass Trumps Zeit vorbei ist. Mission erfüllt! Neue Logiken müssen verkörpert werden.

Abbildung 1 – Meinung der Amerikaner über die erste Amtszeit von D. Trump. Zufrieden (dunkelgrün), unzufrieden (orange) und gleichgültig (hellgrün). Quelle: Statista.

Tatsächlich sind wir nicht mehr die Einzigen, die ein mögliches Scheitern seiner Wiederwahl antizipieren: In den Umfragen geht es für ihn hoch und runter[16], er verliert im Electoral College[17], das republikanische Lager zersplittert sich[18], es bilden sich „anything but Trump“-Bewegungen[19], usw. …

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Zusammenfassung

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